Kapitel 1
DUNKELHEIT UMHÜLLTE DAS weite Ufer, der große Mond stand schon lange am Himmel und schien hell sein Licht durch den Wald und auf die Lichtungen. Das raue Zwielicht hing wie Nebel über dem See und in den Bäumen, als eine Patrouille aus Eulen wie drei dunkle Schatten über den Himmel streifte. Für Grenzkontrollen oder um zu Jagen waren sie nicht aufgebrochen. Mariven und Zeyfeis folgten ihrer Anführerin Cerphyra in Richtung der Grenze ihres Territoriums. Eine solch kleine Patrouille mit der Anführerin stand nicht für die Jagd. Ein Krieg hing in der Luft wie die schweren schwarzen Wolken, die den nächtlichen Himmel im Griff hielten. Kurz vor einem kleinen Rinnsal gab Cerphyra das Signal zum Landen, und die drei Eulen glitten sanft in Richtung Boden. Der Mond hatte sich seinen Weg zwischen die Sterne gesucht und ließ seine Strahlen auf das finstere Wasser vor ihnen funkeln. Nachdem die drei Eulen gelandet waren, bedeutete Cerphyra ihren Gefährten, zu warten. Marivens Blick schweifte an ihr vorbei zu Zeyfeis, dem Kampfheiler des Stammes. Sein graues Federkleid war in der Dunkelheit kaum zu sehen, doch seine klaren Augen blitzen fast durch die Farben der Nacht.
Plötzlich ertönte ein raues Heulen über ihren Köpfen. »Was wollt ihr hier?«, schallte es aus dem Himmel, als fünf Eulen sich zu Boden stürzten und gekonnt auf der anderen Seite des Rinnsals landeten. Der Schrei kam von Gralan, dem zweiten Anführer des Stammes der Fallenden Wasser, welcher nun nur eine Flügellänge vor Cerphyra stand und sie wild aus gelben Augen anblitzte. »Ihr wisst doch, dass ihr hier nichts zu suchen habt!«, fauchte er ihr entgegen. »Geht zurück auf euer eigenes Land.« Harelon trat ebenfalls einen Schritt nach vorne. Mariven schoss das Blut in die Ohren und sie spürte eine brennende Wut in Cerphyra aufsteigen, doch die Anführerin des Stammes der Schnellen Winde blieb kalt. »Wir wollen mit Ifera sprechen«, sagte sie ruhig. Die feindliche Patrouille stockte kurz und Mariven sah, wie Gralans Blick über die drei Eulen wanderte. »Und warum?«, grollte der zweite Anführer. »Wir wollen mit Ifera sprechen«, wiederholte Cerphyra ruhig. »Na gut«, knurrte er nach einer kurzen Pause widerwillig und schwang sich in die Luft. »Folgt mir.«
Flankiert von den Eulen des Stammes der Fallenden Wasser flogen sie zur anderen Seite des Waldes in die Richtung einer kleinen Lichtung. Ab und an warfen die anderen Stammeseulen Mariven und Zeyfeis giftige Blicke zu. Obwohl Zeyfeis gelassen schien, fing Mariven von ihrer Patrouille ein allgemeines Unbehagen auf. Nach einigen weiteren Herzschlägen setzte Gralan mit einem kurzen Blick zurück langsam zur Landung an und die anderen sieben Eulen folgten ihm schweigend. Je näher sie dem Boden kamen, desto mehr Gestalten konnte Mariven erkennen, etwas seitlich abgelegen entdeckte sie mehrere Baue in den herbstlichen Bäumen und vereinzelt auch welche am Boden. Eulen jeglicher Größe und Farbe flogen um die Baue und Lagereingänge herum oder saßen auf der Lichtung zusammen und einige von ihnen hatten sich gerade vom riesigen, gefüllten Frischbeutehaufen bedient. Bei dem Anblick knurrte Mariven schmerzvoll der Magen. Die Spionin wusste nicht, wann sie das letzte Mal etwas Größeres gegessen hatte. Beute war im Winter immer sehr knapp, vor allem seitdem der Stamm der Fallenden Wasser ihnen das Stück Territorium am Bach abgegriffen hatte. Doch das sollte sich bald ändern. Es musste sich ändern.
Immer mehr verwunderte und feindselige Blicke fing die Patrouille ein, Eulen berieten sich augenblicklich nervös, ließen von ihrer Arbeit ab, als ein Warnruf ertönte und die Gruppe inmitten der Lichtung landete. Ifera, die mittelgroße, drahtige Gestalt mit langem Federkleid, schlüpfte gerade aus ihrem Bau und stand in wenigen, kräftigen Flügelschlägen vor ihnen. Ihre gelben Augen schweiften einen Herzschlag lang über Cerphyra und ihre Begleiter. »Ihr wolltet mich sprechen? Was führt euch zu mir?« Ihre Stimme klang höflich und ruhig, doch Mariven konnte eine seltsame Anspannung unter den hellbraunen Federn der Anführerin spüren. »Du weißt genau, worum es hier geht«, erklang neben Mariven von ihrer Anführerin. Ifera wirkte überrascht. »Liegt Dir die letzte Große Versammlung immer noch schwer im Magen, Cerphyra?« In ihren Worten lag ein verwundertes Interesse aber auch ein versteckter, doch provokantes Funkeln, bevor Cerphyra fortfuhr. »Es geht um das Territorium, das einst uns gehörte.« Durch Iferas Gesicht schlich sich für einen Augenblick ein ernster Ausdruck, dann legte sie den Kopf leicht zur Seite. »Das Stückchen Land? Das bringt euch doch gar nichts.« »Dies ist eine sehr beutereiche Stelle«, zischte die Anführerin des Stammes der Schnellen Winde und deutete mit dem Kopf auf den vollen Beutehaufen, »aber das habt ihr ja selbst schon erschöpfend herausgefunden.«
Eine unheimliche Pause entstand, die restlichen Eulen des Stammes sammelten sich langsam um das Geschehen auf der Lichtung und alle Augen lagen auf den zwei Anführerinnen. »Ifera, das Gesetz des Waldes verbietet es dir, mehr Beute zu töten, als notwendig ist, deinen Stamm zu ernähren.« »Wirklich?« In Iferas Stimme lag keine Verachtung, sondern eine Art kaltes Erstaunen, die Mariven nicht einschätzen konnte. Sie hörte, wie plötzlich in Cerphyras Kehle ein kaltes, bedrohlich tiefes Grollen aufstieg und ihre Augen wütend blitzten. »Schluss jetzt mit den Scherzen! Das hier ist eure letzte Chance, uns das Territorium friedlich zurückzugeben. Wenn nicht, werden wir darum kämpfen.« Ifera bäumte sich vor den drei Eulen auf und sah mit ihren langen Federn nun einen halben Flügel größer aus als zuvor. »Pah! Ihr habt damals das Land aufgegeben und wollt jetzt, dass wir es euch einfach so wieder überreichen? Da habt ihr euch gewaltig getäuscht.« Sie ließ sich wieder sinken, ihr Kopf war jetzt nur knapp eine halbe Federlänge von Cerphyras entfernt und Mariven fuhr ein Schaudern durch den Körper, als Ifera mit eiskalter Stimme fortfuhr. »Ihr wollt kämpfen?« Die Spannung knisterte so laut, dass es fast ihren Herzschlag übertönte. »Morgen, kurz nach Mondhoch, werden wir euch bei den Himmelseichen in Stücke reißen«, endete sie mit gefährlich ruhiger Stimme, wobei sie doch die letzten Worte nur so ausspuckte. »So sei es.« Cerphyra verneigte sich vor der Anführerin, während Zeyfeis Iferas Blick noch immer lodernd erwiderte, und führte ihre Patrouille aus dem Lager hinaus zurück in ihr eigenes Territorium.
Kapitel 2
DER WIND RAUSCHTE, strich durch Zeyfeis' Federn und er schlug die Augen auf. Er sah sich um und fand sich auf dem Boden eines Waldes wieder, welcher fast vollständig von der Dunkelheit übernommen wurde. Er kannte diese Wald, er ist schon so oft hier gewesen. Doch etwas schien anders zu sein. Nebelschwaden hingen tief und der Wind peitschte gespenstisch durch die riesigen, grauen Blätter über seinem Kopf. Als er sich aufrichtete, machte sich ein drückender Schmerz in den Knochen quer durch seinen gesamten Körper bemerkbar und einen Moment lang rang er nach Luft. Doch der Schmerz ließ nach und er blickte sich erneut zwischen den dunklen Bäumen der Nacht nach einem bekannten Gesicht um. Plötzlich knackte ein Stock hinter ihm. Erschrocken fuhr er herum, doch seine Augen erblickten nur den tiefen Wald in einer unendlich düsteren Leere. »Gelza?«, rief er unsicher in den Wind, doch niemand antwortete. Von der weisen Heilerin, die er erwartet hätte, war keine Spur. Kein Zeichen eines anderen Lebewesens. Der Wald der Sterne schien verlassen. Er war alleine.
Bedrohlich lauerte die Stille in den Büschen, die Unruhe engte ihn ein. Auf der Suche nach einem Zeichen oder einem Gesicht lief er, schneller und schneller, bis er wie blind durch den Wald rannte. »Warum hast du mich hergebracht?«, rief er durch die Bäume, aber seine Worte wurden von ihnen nur so verschlungen wie Frischbeute von hungrigen Eulen zu Mondaufgang. Er breitete seine Flügel aus, bereit, in die Luft zu steigen und den Wald von oben zu betrachten. Doch dann schoss ihm plötzlich ein stechender Schmerz in die Seiten direkt unter die Flügel. Mit einem Aufschrei zog Zeyfeis sie augenblicklich wieder zurück und verlor das Gleichgewicht. Er rutschte ohne Halt über das Laub, stolperte. Der Heiler fiel und landete unsanft auf dem Boden, rollte einige Flügellängen und blieb am Rande einer kleinen Lichtung liegen. Der dunkle Fluss in seiner Näher übertönte gerade so den rasenden Schmerz in seiner Brust. Immer noch benommen von dem Sturz richtete er sich langsam wieder auf. Die Bäume sahen gleich aus wie vorhin. Alle Bäume sahen gleich aus. Wirre Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf. Warum bin ich hier? Er stand in der Mitte der Lichtung und sah, wie der Mond sein schales Licht gegen ihn warf, getrübt durch die schwere Wolkendecke über ihm. Gelza, was willst du mir nur sagen?
Plötzlich zerriss ein ohrenbetäubend schriller Schrei die bedrückende Stille des Waldes. Erschrocken riss Zeyfeis den Kopf in die Luft und sah den Umriss einer Eule am Himmel, die mit weit aufgerissenen Augen und scheinbar leblosen Flügeln zu Boden stürzte. Zeyfeis konnte gerade noch einen Blick in das von purer Todesangst überflutete Gesicht der kräftigen, dunkelbraun gefiederten Eule werfen, bevor der Krieger krachend am Boden zerschellte und sein Schrei augenblicklich erstarb. Wie gelähmt wich er von dem leblosen Körper zurück, als aus dem Nichts eine raue Stimme im Wind hinter ihm flüsterte: »Der Wald wird fallen.« Zeyfeis fuhr herum, doch wo er eine Eule erwartet hätte, fand er wieder nur den leeren, dunklen Wald. »Rettet euch, solange ihr noch könnt.« In der Ferne entdeckte der Heiler eine weitere Eule, die ohne Kontrolle auf den Boden zuraste. »Der Wald fällt.« Von blanker Panik getrieben versuchte er zu fliehen, als er noch einen Schatten entdeckte, noch eine Eule, die vom Himmel fiel. Und noch eine. Noch eine. Immer mehr Körper stürzten wie Hagel schrecklich kreischend um ihn herum zu Boden und die Schreie vermischten sich mit den Stimmen in seinem Kopf, welche immer und immer wieder die selben Worte wiederholten. »Der Wald fällt.«
Wie schwere Steine trafen die Eulen auf der Erde auf und versanken in den schwarzen Tiefen des Flusses. Das Gras getränkt, die Erde färbte sich rot. Der Fluss, überfüllt von Blut und glitzernd im Schein des Mondes, trat über die Ufer und nahm die Lichtung ein. Verzweifelt breitete Zeyfeis erneut seine Flügel aus, nur, um von dem unerträglichen Schmerz am Boden gehalten zu werden und strauchelte. Die Eulen heulten markerschütternd, überall fielen sie. Der Fluss stieg an, klammerte sich an seine Beine und verklebte Zeyfeis' Flügel und Federn. Sein panischer Schrei nach Hilfe erstarb, als sich sein Mund und Hals mit dickflüssigem Blut füllten und ihm qualvoll die Kehle verschnürte. Strampelnd versuchte er, sich zu wehren doch die unhaltbare Strömung riss ihn gnadenlos in die Tiefe hinab. Er versank in den Fluten und verlor langsam aber sicher jegliche Orientierung. Durch einen letzten, trüben Blick sah er Gelzas Gesicht am Ufer über sich erscheinen. Um sich schlagend suchte er nach einem Weg zurück an die Oberfläche, doch dafür war es zu spät. Das gespenstische Mondlicht über ihm verblasste langsam, seine Sinne verließen ihn und die schwere Dunkelheit hüllte ihn vollkommen ein.
Kapitel 3
SCHWEIẞGEBADET ÖFFNETE ZEYFEIS die Augen auf und blinzelte in das blutrot untergehende Sonnenlicht, während die rauen Stimmen in seinem Kopf langsam verblassten. Von der schrecklichen Vision noch zitternd streckte er sich, erhob sich schwer atmend aus seinem Nest und warf einen Blick auf die andere Seite des wohl vertrauten Heilerbaus. Durch die Muskeln seines Körper zog plötzlich eine gewaltige Anstrengung, als hätte er tatsächlich gerade in einem reißenden Fluss in Todesangst um sein Leben gekämpft. Ein leichter Regen prasselte auf das Blätterdach, doch der Heilerbau war unter der Brombeerhecke am Felsen gut geschützt und trocken. In ihrem Nest lag Blesa, dessen Brust sich mit der ruhigen und gleichmäßigen Atmung ihres Schlafs hob und wieder senkte. Zwei Mondaufgänge zuvor hatte sich die Heilerin des Stammes beim Kräutersammeln in einem Dornenbusch verfangen und sich die rechte Seite verletzt. Zeyfeis näherte sich ihr, schob seinen Flügel unter ihren und hob ihn sanft an, um sie nochmals zu untersuchen, von der Verletzung war schon fast nichts mehr zu sehen aber Blesa zuckte trotzdem noch bei der Berührung zusammen. Vorsichtig legte er ihren Flügel wieder ab und lief zum Kräutervorrat, den sie in mehreren kleinen Felsspalten verteilt aufbewahrt hatten. Er schob eine Kralle in den unteren Spalt und holte etwas Kamille und einige Wacholderbeeren hervor. Zusammen mit weiteren Kräutern packte er diese mit Buchenblättern in Bündel und legte sie neben sich ab.
Heute würde der Kampf um das Territorium stattfinden, welcher die Beuteprobleme des Stammes ein für alle Mal lösen könnte. »Risal, du begleitest uns ebenfalls.« Zeyfeis zuckte bei Bremraks Stimme zusammen. Er war so beschäftigt mit seinen Kräutern gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, dass der zweite Anführer auf der Lichtung die erste Grenzpatrouille der Nacht einteilte, und streckte den Kopf aus dem Bau. Der Sonnenuntergang tauchte den Himmel und die Bäume in ein düsteres, dunkelrotes Licht und die letzten Wolken zogen ihre Bahnen über den Himmel. Risal drehte gerade eine Runde um den Kriegerbau in der Eiche, blieb bei dem Ruf stehen und war mit einem Flügelschlag in der Luft in Richtung der Gruppe. Plötzlich zerriss ein gellender Schmerzensschrei die Ruhe. Zeyfeis' Blick war gefesselt an den schwarz-grauen Krieger, der wie mit einem gelähmten Flügel unkontrolliert Richtung Boden stürzte. Bremrak schrie auf und sprang in seine Richtung, breitete seine Flügel aus, um ihn zu fangen, doch er kam zu spät. Risals Körper erfasste Bremrak, warf ihn zu Boden und zerschellte eine Flügellänge neben dem verletzten zweiten Anführer. »Der Wald fällt«, verwehte eine Stimme neben seinem Ohr. Von blanker Panik getrieben preschte Zeyfeis sofort aus seinem Bau auf die Lichtung und ihnen entgegen, blinzelte und kam aber nach nur einigen wenigen Schritten verständnislos verwirrt zum Stehen.
Vor ihm lag friedlich die ruhige Lichtung, so, als wäre nichts geschehen. Risal ist gerade sanft neben Bremrak und der Patrouille gelandet und der Heiler hörte, wie sie letzte Abklärungen besprachen. »Wir sollten jetzt auch aufbrechen, dass wir noch genug Zeit bis zur Schlacht haben«, endete Bremrak und schwang sich gefolgt von Ferilya, Risal und Crelat in dem kalten Nieselregen davon, während Zeyfeis sie noch aus leeren Augen anstarrte. »Alles ok bei dir?«, ertönte plötzlich eine Stimme neben ihm. Blesa, die andere Heilerin des Stammes, hatte einen Bündel mit Blättern im Schnabel. »J... ja, alles gut«, stammelte er benommen und sah erst spät die Kräuter, die sie trug. »Hattest du die Kampfkräuter schon fertig?«, fragte seine ehemalige Mentorin durch den zusammengekniffenen Schnabel. »Dann kann ich die hier schon mal für dich verteilen.« »...Kampfkräuter?«, antwortete Zeyfeis und versuchte, sich zurück in die Realität zu zwingen. »Achso, ja. Die sind fertig.« Blesa schmunzelte ihn an. »Du siehst irgendwie so aus, als hättest du Igel fliegen sehen.« Zeyfeis konnte sich wieder zusammenreißen und sah die Heilerin gespielt träge an. »Schön wär's. Ich bin nur etwas müde.« entgegnete er, doch der rasende Herzschlag und sein noch leicht zitternder Schnabel sagten ihm etwas anderes. Blesa blinzelte ihn einmal zweifelnd, dann aber verständnisvoll an und machte sich auf den Weg zum Kriegerbau. Er war froh, dass sie ihm deswegen keine weiteren Fragen stellte. Er würde mit ihr reden aber jetzt hatte er keinen Gedanken dafür frei. »Danke dir!«, rief er ihr hinterher und holte selbst ein kleines Bündel aus dem Heilerbau und flog zu den Spionen in die Eiche.
Die Kampfkräuter bereiteten die Heiler für alle Eulen vor, die in die Schlacht ziehen. Pimpernell und Wacholderbeeren dienen der Beruhigung und geben Kraft. Kamille beruhigt ebenfalls und verbessert den Blutfluss, ist aber nur in den Päckchen für die Krieger und Anführer des Stammes, da sonst die kristallklare Wahrnehmung der Spione im Kampf beeinträchtigt werden kann. Eulen werden nach ihrer Größe und ihrer Wendigkeit vom Anführer entweder zu Kriegern oder Spionen ernannt und entsprechend von ihren Mentoren ausgebildet. Spione sind nicht die besten Kämpfer doch im Kampf besonders wichtig, da sie Verhalten der Gegner erkunden, mit den Kriegern beraten und hervorragende und flinke Verteidiger sind. Kampfheiler wie Zeyfeis sind für die Erstversorgung der Verletzten ebenfalls an Kämpfen beteiligt und werden von den Spionen in der Verteidigung oder beim Transport von schwer verletzten Eulen unterstützt.
Der Regen hatte allmählich aufgehört und draußen schob sich der Mond langsam über den Himmel, Bremraks Patrouille war bereits zurückgekehrt. Die Heiler hatten die Kampfkräuter verteilt und Zeyfeis packte noch die letzten Kräuter und Spinnenweben für den Transport in Buchenblätter. Auf der Lichtung herrschte eine angespannte aber auch erwartungsvolle Unruhe. Cerphyra beriet sich mit Bremrak vor dem Bau der Anführer, während sich die auserwählten Krieger und Spione langsam zum Aufbruch vorbereiteten. Die beiden Anführer standen nun ebenfalls in der Mitte der Lichtung und Cerphyra blickte in den fast wolkenlosen Himmel. »Das ist sie. Die Nacht, auf die wir so lange gewartet haben.« Ihr entschlossener Blick wanderte über die Eulen ihres Stammes. »Heute holen wir uns unser Territorium zurück.«
Kapitel 4
DIE STERNE STRAHLTEN am Himmel und der große Mond warf sein klares Licht auf den Wald. Über den Schatten der Baumwipfel zog geräuschlos eine erfahrene Anführerin durch die Nacht, gefolgt von einer stolzen Gruppe loyaler Eulen. Anspannung lag in der Luft. Dies war kein gewöhnlicher Kampf. Der Stamm litt schon mehrere Vollmonde an Beutemangel. Im Wald und auf den Feldern ließen sich zwar immer wieder Eichhörnchen, Mäuse und kleine Vögel aufspüren, aber um einen gesamten Stamm ausreichend zu ernähren, reichte es nicht. Doch sie wussten, dass dieser Kampf sie aus diesem Problem befreien könnte.
Die Eulen näherten sich einem licht bewachsenen, steinigen Waldstück nahe der Grenze mit zwei gewaltigen Eichen an dem linken Rand und vereinzelt Sträuchern und Hecken in der Umgebung. Einige Herzschläge später gab Cerphyra an der Spitze der Gruppe das Zeichen zum Landen. Zeyfeis war mit Mariven schon vorausgeflogen und hatte sich etwas abseits einen geschützten Unterschlupf und ein Kräuterlager eingerichtet. Die zwei Anführer gefolgt von der Gruppe an Kriegern und Spionen landete am Rande der noch leeren Lichtung. Eine gespenstisch trügerische Ruhe lag über dem Wald und Mondhoch stand kurz bevor. Neben Crelat raschelte ein Gebüsch und Zeyfeis schob sich durch die orangen Blätter. »Wir sind bereit«, verkündete er gedeckt, als Bremrak seine Ohren einige Momente später in die Luft streckte, den Kopf drehte und dann einen Blick mit seinen klaren Augen über den Stamm warf. »Sie sind da. Geht auf Position«, schloss er und betrat zusammen mit Cerphyra langsam die Lichtung. Ein Zeichen dafür, dass sie bereit sind, hier für ihren Stamm und ihr Territorium zu kämpfen. Leise verteilten sich die Eulen, und die energiegeladene Erwartung knisterte in den Köpfen des Stammes fast lauter als die angespannte Stimmung in der Luft. »Ich hätte nicht gedacht, dass ihr wirklich auftaucht!«, schallte Iferas Stimme kurz darauf durch die Bäume, und gefolgt von ihrem zweiten Anführer stolzierte sie ebenfalls ins Freie. Cerphyras Augen funkelten. »Ihr verachtet, wie viel das Land, welches den Fluss umgibt, wert ist und nutzt es schamlos gegen das Gesetz des Waldes aus.«
Während sie sprach, traten langsam die Krieger und Spione beider Seiten hinter den Anführern auf die Lichtung und bildeten einen Bogen um diese. Doch beim Anblick der Eulen der Schnellen Winde fuhr ein Glitzern durch Gralans funkelnde Augen. »Ha! So wenige Krieger, wie du aufgestellt hast, scheint dir die Lage doch nicht so ernst zu sein, wie du vorgibst, Cerphyra!«, höhnte er und lachte in den schalen Wald hinein. »Da stimmt doch was nicht, ich sehe nur zwei Spione...«, grollte Romog düster, wurde aber von Gralans ungeduldigem Knurren unterbrochen, als dieser zu ihm herumfuhr und ihn aus einer Federlänge Entfernung anfunkelte. »Einfacher für uns.« Sofort riss er den Kopf herum, als Bremrak, Cerphyra und ihre Krieger gleichzeitig einen Schritt nach vorne traten und Iferas Schnabel anfing, wütend zu beben. »Angriff!«, zerriss einen Herzschlag später ihr schriller Ruf die Stille, und gefolgt von ihren Kriegern preschte sie über die Lichtung auf die Eulen der Schnellen Winde zu, die regungslos auf ihrer Seite standen.
»Jetzt«, heulte Cerphyra in den Wind und plötzlich schossen Mariven, Lotopi und Risal aus den Baumwipfeln über ihnen im Sturzflug und mit einem ohrenbetäubenden Kampfschrei Richtung Boden. Blitzschnell breitete Mariven die Flügel aus und stellte im letzten Moment ihren Körper nach vorne. Die Spionin spürte die Kraft der Luft, die sie in eine flache Flugbahn drückte, und wie sie und die anderen zwei Eulen direkt über dem Boden als drei riesige Geschosse auf die Eulen der Fallenden Wasser zujagten. Rutora und Romog wichen erschrocken aus, doch schon kreuzte Lotopi Marivens Flugbahn und zog mit ausgefahrenen Krallen quer über die Lichtung. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie ihr Bruder Harelon an der Seite erwischte, ihn rückwärts auf Abalyes stieß und sich auf ihn stürzte. Mariven selbst preschte ungebremst in Gralans kräftigen Körper und warf den zweiten Anführer wild durch die Luft, bevor sie selbst am Boden landete. Während sie sich noch aufraffte, hörte sie hinter sich die wütenden Kampfschreie ihrer Stammesgefährten, die mit den Eulen der Fallenden Wasser kämpften. Die Lichtung war nun überfüllt von den zwei Stämmen. Am Boden, in den Bäumen, überall fanden sich Eulen, die sich in die Lüfte schwangen, um einen weiteren Sturzflug auf die Gegner zu halten oder am Boden miteinander rangen.
»Helft mir!«, schallte es schrill und Mariven sah am Rande der Lichtung, wie Ariwis qualvoll versuchte, zwei riesigen Kriegern zu entkommen, die ihm einen Schlag nach dem anderen verpassten und ihn am Boden hielten. Sofort bahnte sich Mariven einen Weg in ihre Richtung, schwang sich in die Luft, stürzte Richtung Erde und landete mit dem Schnabel voraus hart auf dem größten der Angreifer. Augenblicklich sackte Harelon unter ihrem Gewicht zusammen, doch schnell war Mariven wieder auf den Beinen und schlug ihm kräftig mit ihren Krallen in die Seite. Ariwis hatte den Moment der Überraschung genutzt und den anderen Angreifer überwältigt und bearbeitete nun seine Brust mit schmerzvollen Schnabelschlägen, bis dieser sich von unter ihm befreien konnte und mit Harelon in Deckung floh. Ariwis war schon wieder in der Luft zu seiner Position in den Bäumen und Mariven wollte dem Spion gerade folgen, als sie einen Schlag über den Hinterkopf erwischte, ihr rechtes Ohr zerkratzte und sie hart zu Boden warf. Sie drehte ihren rasenden Kopf und sah Gralans riesige Silhouette vor dem hellen Mondlicht, die über ihr ragte und sie aus orangenen Augen anfunkelte. »Du hast dich mit dem Falschen angelegt«, knurrte er und ließ sich in voller Größe auf Mariven fallen, doch sie war schneller. Flink rollte sie sich über ihr verletztes Ohr in letzter Sekunde unter dem zweiten Anführer heraus und zuckte unter dem stechenden Schmerz zusammen. Gralan konnte sich ebenfalls, wenn auch nicht so elegant, abrollen und etwas entfernt von ihr noch am Boden lag. Schnell ergriff sie die Möglichkeit und schwang sich zu ihren anderen Spionen in die Bäume. Im selben Moment bemerkte sie, wie ein Schatten einer Eule am Heilerlager hinter Zeyfeis versteckt auf den Boden zusteuerte. Sie vermutete, dass dies Blesa war, die nach dem Rechten sehen wollte.
Über ihr erblickte sie Lotopis verzweifelten Blick in einem von Panik bleichen Gesicht und landete neben dem Spion auf dem hohen Ast einer Eiche. »Was ist los?« »Schau es dir an.« Von dem Sturz immer noch schwer atmend ließ Mariven ihren Blick über die kämpfenden Eulen streifen und ihr Herz stockte. Bevor sie Worte fassen konnte, sprach es Lotopi für sie aus. »Der Stamm der Fallenden Wasser hat ihre Spione in einigen zusätzlichen Kampftechniken der Krieger ausgebildet.« Mariven war immer noch gefesselt an die Spione, die nur etwas schlechter kämpften als die Krieger, und ihr Magen drehte sich bei dem Anblick um. Sie musste erst tief Luft holen, bevor sie leicht zitternd zur Sprache kam. »Sie haben mehr Eulen auf dem Feld als wir, lenken uns ab und teilen trotzdem Schaden aus.« Kaum hatte sie geendet, wurde Werot von zwei Spionen heftig in die Seite gestoßen und quer über das Feld geschleudert, wo er über den Boden rollte und regungslos liegen blieb. Im nächsten Augenblick schoss ein dunkelgrauer Blitz eines Kampfheilers quer über die Lichtung und Zeyfeis zerrte ihn mit Marsols Hilfe mühsam vom Schlachtfeld. In einem Herzschlag klärte sich plötzlich Marivens trüber Blick, sie riss den Kopf zu Lotopi herum und blitzte ihn aus panikerfüllten Augen an. »Wir verlieren! Wir dürfen nicht verlieren! Nicht heute! Was machen wir denn bloß?«
Kapitel 5
LOTOPI WARF SEINEN Blick über die Lichtung und versuchte, seine Stammesgefährten zu finden. Mit einem tiefen Blick in Marivens Augen holte er Luft. »Wir müssen eine Versammlung einberufen. Sofort.« Er hob seinen Kopf in die Höhe und stieß zwei helle Rufe aus, die weit über die Eulen tönten. Augenblicklich ließ Ariwis von seinem Gegner ab und auch Zeyfeis, welcher vom Heilerlager auftauchte, schwang sich in die Luft hinter dem Spion des Stammes her zu den zwei Eulen, die sie im Baum erwarteten. »Werot?«, wand sich Mariven an Zeyfeis, der gerade neben ihr auf dem Ast landete. »Eine große Wunde, Blesa ist bei ihm«, antwortete der Kampfheiler. Marivens Blick fiel plötzlich auf Zeyfeis' mit Blut getränkten Flügel und ihr drehte es den Magen um. Doch Ariwis ergriff das Wort und zwang sie zu sich zurück. »Die Lage ist ernst. Fallende Wasser haben alle Spione am Boden und sind damit in der Überzahl. Was sollen wir machen?« Die Köpfe zusammengestreckt suchten die vier Eulen nach einem Ausweg aus der Situation, doch sie kämpften gegen die Zeit. Während sie sich austauschten, waren die Krieger ohne Heiler und Spione auf sich alleine gestellt. Und auch, wenn eine Spionversammlung nicht angegriffen werden durfte, wäre es nicht das erste Mal, dass Spione unter voller Absicht aus den Bäumen geschossen wurden.
Jede Sekunde zählte und ihnen ging allmählich die Zeit aus, als Mariven plötzlich ein Funkeln in die Augen schoss. »Wir übernehmen ihre Bäume und greifen aus der Luft von allen Richtungen an! So behalten wir auch den Überblick.« Ein wilder Schmerzensschrei unter ihnen riss Mariven aus ihrem Gedanken und sie sah, wie Cerphyra von Gralan und Abalyes gegen den Baum geschleudert wurde, auf dem sie saßen. Wutentbrannt fauchte Zeyfeis, ließ sich mit Panik in den Augen im selben Moment vom Ast fallen und preschte voll blankem Zorn im Sturzflug auf den zweiten Anführer zu. »Los!«, schrie Ariwis und hechtete mit Lotopi davon, um den Plan in die Tat umzusetzen. Am Boden kämpfte der Kampfheiler neben Cerphyra, doch nun hatten sie die Situation unter Kontrolle. Mariven stockte und konnte ihren Blick für einen Moment nicht von ihrer Anführerin lösen. Cerphyra hatte als Anführerin einst weitere Leben vom Wald der Sterne erhalten, um ihren Stamm schützen zu können. Doch sie war in ihrem letzten Leben angelangt und hätte hier sterben können, das wusste die Spionin. Bei der Vorstellung wurde ihr schlecht aber sie riss sich zusammen. Bevor sie sich auf den Weg über die Lichtung in einen entfernten Baum machte, warf sie sich auch in Abalyes' Richtung, erwischte ihn mit den Krallen an der rechten Seite, war aber sofort wieder außer Reichweite und in der Luft zum nächsten Ast.
In einer Baumkrone am Rande der Lichtung angekommen, blickte Mariven über das Schlachtfeld. Der Boden war überfüllt von Eulen der Fallenden Wasser und dazwischen rangen die Krieger ihres Stammes erbittert weiter, doch alleine würden sie es nie schaffen. Hoffentlich funktioniert mein Plan, blitzte durch ihre leeren Gedanken, sie stürzte sich geräuschlos vom Baum und schoss kraftvoll auf den nächsten feindlichen Krieger zu. Unter ihren Federn glühte die Energie und Romog bemerkte sie erst kurz bevor sie ihn erwischte. Neben ihr machte sich gerade Zeyfeis auf den Weg zurück zum Heilernest und sie sah, dass auch er nicht ohne Verletzungen davongekommen war. Ein gellender Schrei tönte über die Lichtung aber er kam nicht von dem Krieger vor ihr, dem sie gerade die Krallen über die Seite gezogen hatte. Der Ruf kam von Ariwis, welcher einen Moment später sich ebenfalls aus einem entfernten Baum fallen ließ und auf Rutora zusteuerte. Die feindliche Kriegerin thronte gerade über Risal und holte zu einem gefährlichen Schlag aus, als der Spion sie erwischte und zu Boden warf. Mariven war kaum wieder in einem Ast gelandet, als auch Lotopi sich vom Himmel warf und Mariven bestieg ein Gefühl, dass ihr Plan tatsächlich funktionieren könnte. Wenige Herzschläge später war sie wieder in der Luft und preschte aus dem Sturzflug erneut über die Lichtung. Diesmal hatte sie es auf die Spionin Shazora abgesehen.
Doch dann erblickte sie Keralon, der Zeyfeis aus der Luft riss und hart zu Boden warf. Der Kampfheiler rollte einige Flügellängen und blieb auf dem trockenen Boden regungslos liegen. Marivens Körper begann zu beben, in ihren gelblichen Augen entfachte plötzlich eine unhaltbare Wut. Blitzschnell riss sie den Kopf nach oben und schoss eine Federbreite über Shazora hinweg, fuhr ihre Krallen aus und stürzte mit einem zerreißenden Schrei auf den Spion zu. Keralon hatte sie gerade bemerkt, als er schon von ihr erfasst und durch die Luft in den Wald geschleudert wurde. Mariven konnte sich gerade noch an einem Baum abfangen und blickte hinüber zu Zeyfeis, der sich wieder aufrichtete und sie aus klaren Augen beobachtet hatte. »Der Schlag hat gesessen. Keralon sollte sich nicht mehr so schnell auf das Schlachtfeld trauen«, holte Zeyfeis die Gedanken der Spionin zu sich. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Valerp, der Kampfheiler der Fallenden Wasser, sich einen Weg zu Keralon abseits der Lichtung bahnte. Mariven schaute Zeyfeis aus schmalen Augen an. »Alles in Ordnung bei dir?« Mariven selbst war von der Attacke noch außer Atem und mit einem pochendem Herz, das ihr bis in die Ohrspitzen schlug. »Ja, nur ein paar Kratzer«, erwiderte Zeyfeis mit einem groben Blick an sich herunter. Er warf der Spionin noch einen dankbaren Blick zu und schwang sich gleich wieder zurück zum Heilernest etwas abseits der Lichtung. Mariven schaute ihm länger hinterher, als sie zugeben wollte. Diese brennende Wut Keralon gegenüber flachte langsam wieder ab. Ebenso die Angst, dass Zeyfeis verletzt worden ist. Zeyfeis, was machst du nur mit mir?, schoss der Spionin durch die Gedanken. Doch sie schüttelte kurz den Kopf und schwang sich wieder in die Luft.
Kapitel 6
MARIVEN LANDETE IN einem nahen Baum, in welchem ebenfalls Lotopi saß. Die Spionin blickte hinüber zu ihrem Bruder. Lotopi und sie gehörten zu den jüngsten der ausgewachsenen Stammeseulen. Mariven fühlte Stolz in sich aufsteigen, an der Seite ihres Bruders für ihren Stamm kämpfen zu können. Sie schob den Gedanken beiseite und bereitete sich vor, wieder in den Kampf zu stürzen. Sie erinnerte sich, dass Zeyfeis und Cerphyra gegen zwei kräftige Krieger gekämpft hatte, sah sich nach ihr um aber konnte sie nirgends finden. Die Spione der Schnellen Winde, und nun auch einige Krieger, bombardierten die Eulen der Fallenden Wasser am Boden durchgehend mit Dauerfeuer aus den Bäumen. Mariven hatte gerade die aufsteigende Sorge um ihre Anführerin zur Seite geschoben und sich wieder in Richtung des nächsten Astes gemacht, als sie im Augenwinkel Cerphyra erblickt. Diese rang in einem Baumwipfel gerade mit Qephali und drängte ihn erfolgreich aus der Luft wieder zu Boden. Fast zeitgleich mit Lotopi preschte Mariven Richtung Boden und auf Ifera zu, wich in letztem Herzschlag ihrem Schlag aus und zog der Anführerin die Krallen über den Rücken. Jaulend sprang sie zur Seite und prallte mit Shazora zusammen, welche von Lotopi erwischt ihr Gleichgewicht verlor und über das Feld taumelte.
»Rückzug!«, schallte Iferas Ruf über die Lichtung, während Crelat aus der Luft Romog nochmal einen Schlag verpasste und langsam das wilde Kampfgeschrei zwischen den Bäumen anfing, zu verblassen. Augenblicklich ließen die Eulen der Fallenden Wasser von ihren Gegnern ab und bahnten sich einen Weg zurück zu ihrer Anführerin, die den Stamm der Schnellen Winde wutentbrannt und aus glühenden Augen anfunkelte. »Vielleicht habt ihr diese Schlacht gewonnen«, grollte eine tiefe Stimme aus der atemlosen Anführerin hervor, »doch glaubt nicht, dass wie diese Niederlage einfach so hinnehmen werden!« Allmählich fanden sich auch die Eulen der Schnellen Winde wieder zusammen. Cerphyra, die ebenfalls einige blutgetränkte Federn trug, trat nun einen Schritt um den anderen zur Mitte der Lichtung und erwiderte fest Iferas Blick. »Warum so schnell Versprechen versuchen, die du nicht halten kannst?« Der Kampf war vorbei, doch die Anspannung brodelte in der Luft immer noch so wie zuvor. »Und jetzt runter von unserem Land«, schloss die Anführerin mit einem eiskalten Knurren.
Unter vereinzeltem Fauchen und Grollen zog sich der Stamm der Fallenden Wasser langsam wieder in den Schatten der Bäume und in Richtung ihres Territoriums zurück, breiteten ihre Flügel aus und schwangen sich in der langsam aufgehenden Sonne davon. Während Mariven ihnen noch hinterher sah, versammelten sich nun alle Eulen ihres Stammes um Cerphyra und Bremrak. Zeyfeis hatte einen Flügel um Werot gelegt und begleitete den Krieger zu den anderen Eulen. Bremrak sah mit besorgten Augen zu ihnen herüber, doch Werot hatte schon seinen Schnabel geöffnet. »Es geht schon wieder«, brachte er hervor. »Schaffst du es zurück?« »Ja, ich glaube schon.« Die Augen der Anführerin blickte sich unter den Eulen um. »Ist noch jemand schwer verletzt?« Niemand meldete sich und Cerphyra sah, wie auch Zeyfeis verneinte. Erleichtert atmete sie auf und von einem Moment auf den anderen wich die Anspannung und Kälte aus ihren Augen und der Stimme, um einer warmen Hoffnung Platz zu machen. »Wir haben es geschafft!« Jede einzelne Eule hatte ein zutiefst erleichtertes Glitzern in den Augen. Cerphyras stolzer Blick streifte über ihre Stammesgefährten während das Morgenlicht ihr hellbraunes Federkleid in ein leuchtendes orange färbte.
»Die Bachfelsen gehören wieder uns. Wir werden die Blattleere über genug Beute haben, um den Stamm ausreichend zu ernähren. Wir können dafür sorgen, dass niemand dem Beutemangel und elendigem Hunger zum Opfer fällt.« Ihr huschte ein Schmunzeln durch das Gesicht, als sie Risals überglücklichem Blick begegnete. »Und den Teil des Flusses haben wir als frische Wasserquelle und Badestelle auch wieder«, fügte sie in seine Richtung hinzu. Ein ruhiger Herzschlag verging, bis Bremrak das Wort ergriff. »Lasst uns zurückgehen. Wir werden bestimmt schon erwartet.« Zeyfeis schwang sich in die Luft, gefolgt von seinen Stammesgefährten. Er warf unauffällig einen Blick zurück. Bildete er sich etwa ein, dass Mariven ihn aus sicherer Entfernung immer noch besorgt beobachtete? Doch er konnte dieser Frage nicht nachgehen, er hatte zu viel anderes, was ihm in den Gedanken lag. Seine Vision kam ihm wieder in den Sinn. Der Kampf um die Bachfelsen hatten sie gewonnen. Doch der Kampfheiler wurde das Gefühl nicht los, dass sich eine weitaus größere Gefahr näherte als die Sturheit von Fallende Wasser. Er musste mit Blesa reden, sobald sie beide einen freien Moment hatten.
»...Zeyfeis?« hörte er Marivens Stimme einige Momente später aus der Luft neben ihm. Er sah sich um und merkte erst jetzt, dass er ein bisschen von der Gruppe abgedriftet ist. Schnell korrigierte er seine Bahn. »Du siehst beschäftigt aus. Bist du nicht glücklich?«, fragte die Spionin, die sich ihm etwas näherte. Bei den Worten blitzte dem Kampfheiler wieder das Gesicht der braunen Eule durch seine Gedanken, die vor ihm auf dem Boden zerschellte. Er drehte den Kopf nicht zu Mariven. »Beschäftigt trifft es recht gut. Aber ich will erst mit Blesa reden«, sagte er und stoppte sich unauffällig selbst. Er hätte Mariven oder den anderen gerne mehr erzählen wollen. Aber er wusste auch, dass es ungeschickt ist, jetzt Panik auszulösen, wo er selbst noch nicht einmal Zeit hatte, über die Vision nachzudenken. Mariven gab sich mit der Antwort zufrieden, doch schien neben ihm zu bleiben bis sie wieder zurück im Lager waren.
Kapitel 7
CERPHYRA BESCHLEUNIGTE IHRE Landung, als sie den Umrisss einer Eule in der Mitte ihres Lagers liegen sah. Ihr Herz sank mit jedem Schlag tiefer in ihrer Brust. Für alle Stämme war dies ein bekanntes Ritual. Es war vor allem ein Ritual, welches die Anführerin nicht nach einer erfolgreichen Schlacht sehen wollte. Es war die letzte Ehre einer Eule. Lange vor dem Landen erkannte sie die leblose Spionin. Vorsichtig landete die Anführerin neben Blesa in der Mitte des Lagers. »Nein...!«, hauchte sie mit trüben Augen. »Ferilya...!« Die anderen Eulen versammelten sich langsam ebenfalls, während sich Cerphyras Kopf senkte. Ein erstickter Schrei zeriss die Stille. Crelat stürzte sich blind durch die Eulen, eine Mischung aus blanker Wut, Trauer und Panik wehte hinter ihm her. Stumm fiel er neben dem regungslosen Körper zu Boden, drückte sich gegen die kalten Federn und fing an zu wimmern. Die Freude des gewonnen Kampfes war vergessen. Manche hatten eine Stammesgefährtin verloren, Crelat hatte seine Schwester verloren, Viserla ihre Mutter.
Mariven fühlte, wie Magalis sich vorsichtig neben ihr vorbei schob und sich Crelat näherte. Sie legte sanft einen Flügel um ihren Gefährten, während auch sie mit ihren Gefühlen kämpfte. Erst jetzt bemerkte Mariven den tiefen, blutroten Streifen, der sich über Magalis' Federn zog. Mariven wurde schlecht. Natürlich war ein Tod einer Eule ein sehr tragisches Ereignis, so ist es dennoch ein normaler Teil des Lebens und der Natur. Aber gab es einen anderen Grund für Marivens Übelkeit. Es passierte zu plötzlich, zu unvorhergesehen. Marivens Gedanken drehten sich. Vorsichtig wendete sich Cerphyra an Blesa. »Was ist geschehen?« Die Heilerin sah mit düsteren Augen um sich. »Wir wurden von Füchsen überfallen.« Eine ohrenbetäubende Stille lag über dem Stamm. Alle wussten gut um die Bedrohung durch Füchse Bescheid. »Wir haben unser bestes gegeben, um den Stamm zu verteidigen.« Blesa blickte auf Ferilyas kalten Körper und die verletzte Magalis daneben. »Doch alles hat seinen Preis.«
Nach einigen weiteren Herzschlägen Stille blickte Cerphyra in den Himmel und erhob sanft das Wort. »Wir haben heute eine Eule verloren, eine Freundin, ein Teil unserer Familie. Ferilya, der Stamm der Schnellen Winde ehrt deine Loyalität und deine Ehrlichkeit auch in den dunkelsten Stunden. Möge der Wald der Sterne dich warm empfangen und dich genau so respektieren, wie wir es weiterhin werden. Wir wünschen dir alles Gute für deine letzte Reise.« Langsam drang die Realität auch in die letzten Köpfe des Stammes durch, als die Anführerin Ferilya die letzte Ehre erwies. Bremrak suchte sich zwei weitere Eulen, damit sie die Beerdigung außerhalb des Lagers vorbereiten konnten. Kurz darauf fühlte Mariven, wie sich Lotopi leicht an ihr anlehnte. Die Erschöpfung ihres Bruders fand sie auch in ihren eigenen Knochen wieder, aber die Gefühle der Spionin kamen nicht hinterher. Sie hatte so viele Gedanken, denen sie noch nachgehen wollte, doch konnte sich auf keinen einzigen mehr konzentrieren. Der Stamm sah so verstreut aus wie lange nicht mehr. Einige Eulen waren schon in ihren Bauen, einige berieten sich und andere drehten stille Kreise auf der Lichtung. Mariven konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Gefolgt von Lotopi zog sie sich in ihren Bau zurück und fiel förmlich in ihr Nest.
Sie blinzelte kurz darauf, als der Mond vorsichtig sein Licht durch die Bäume warf und das Tageslicht langsam in den Bäumen verschwand. Hatte sie schon geschlafen? Ihr Körper fühlte sich zumindest nicht danach an. Mariven streckte sich müde. Neben ihr fühlte sie eine Wärme und sah sich um. Lotopi hatte sich an ihre Seite gedrückt und schlief noch. Die Spionin atmete tief aus. Sie hatte nach den gestrigen Ereignissen anscheinend kurz vergessen, wie angenehm Stille war. Vor allem, wenn man neben seinem Bruder aufwachte. Mariven blinzelte in das Mondlicht, dann kam ihr langsam Ferilya wieder in den Sinn. Ihre Gedanken wanderten zu Viserla, die heute nicht nur ohne Bruder an ihrer Seite aufwachen würde, sondern auch ohne Eltern. Die Schülerin brach ihr das Herz, aber Mariven wusste, dass niemand Ferilya zurückbringen konnte. Sie war nun unter der Schwinge der Wald der Sterne. Ein Grummeln aus ihrem Magen unterbrach die Gedanken der Spionin. Langsam richtete sich auf, um auf das Lager zu treten und sich etwas zu Essen zu holen. Sie bemühte sich, leise zu sein, um Lotopi oder die anderen nicht zu wecken.
Es war noch früh, der Mond kletterte erst über die Baumwipfel als Mariven zum Beutehaufen stolperte. Sie nahm sich eine Spitzmaus und machte es sich unter einem Baum damit gemütlich. Still beobachtete sie das Lager. Ferilyas Körper war nicht mehr hier, Bremrak und die anderen werden sie wohl gestern noch irgendwo außerhalb begraben haben. Mariven biss in ihre Maus und fühle gleich wieder etwas Energie zu ihr zurückkommen. Sie genoss den Moment der Ruhe. Keine Kämpfe, keine Überraschungen. Nur der leichte, frische Luftzug in ihren Federn. Durch die Blätter sah sie zum Schülerbau hinüber, wo sie Viserla vermutete. Kurz darauf erkannte sie die Schülerin schlafen, doch neben ihr lag, im Schatten kaum erkennbar, noch ein weiteres Federkleid. Die Spionin bewegte den Kopf etwas um rauszufinden, wer das sein könnte. Dann wurde es offensichtlich. Es war Crelat. Beide hatten sehr mit dem Verlust zu kämpfen und Crelat war das Nächste an Familie, was Viserla blieb. Aus dem Augenwinkel sah Mariven, wie Risal mit etwas Beute zu ihr über die Lichtung watschelte.
»Hey«, wurde sie sanft vom Krieger gegrüßt. Mariven konnte ihren Blick erst von Crelat abwenden, als Risal neben ihr war. Sie drehte sich ihm zu, sah auf den Frosch, den er trug und rümpfte den Schnabel. »Frosch? Zu dieser Tageszeit?«, neckte die Spionin müde. »Irgendjemand muss den ja essen« erwiederte er mit einem leichten Schmunzeln und nahm sich einen Bissen. Mariven war noch in Gedanken, ihr Blick streifte wieder zum Schülerbau. Risal schien ihrem Blick zu folgen. »Apropos Viserla... würdest du uns nachher beim Training etwas unterstützen?« Mariven sah zu Risal auf. Da Winalba krank war, hatte Risal zeitweilig die Rolle des Mentoren für Viserla übernommen. Viserla stand kurz vor ihrer Prüfung zur Spionin, doch Risal war ein Krieger. Mariven wusste, dass er nach ihrem Paar Augen fragte, weil sie ebenfalls auf Spionin ausgebildet war. Daher konnte sie die benötigten Fähigkeiten einer Spionin besser einschätzen. Mariven nickte ihm zu, doch in ihrem Ausdruck lag Vorsicht. Risal war das nicht entgangen, er schluckte vor den nächsten Worten noch kurz seinen Bissen runtern. »Ich will ihr kein großen Training antun, aber einfach, dass sie nicht aus der Übung kommt.« Er warf einen kurzen Blick in Richtung Schülerbau. »Vielleicht lenkt sie das auch ein bisschen ab.«
Kapitel 8
»WIR FANGEN AN mit etwas zum Aufwärmen«, tönte Risals Stimme über den gewohnten Trainingsplatz etwas abseits des Lagers. Mariven sah zu Viserla. Einerseits analysierte sie jede Bewegung der ausgereiften Spionin, um ihr letzte Hinweise vor ihrer Prüfung geben zu können. Andererseits machte sie sich Sorgen um die Schülerin. Mariven schob den Gedanken beiseite. Das Training wird Viserla ablenken und Mariven wollte selbst keine Anspannung ausstrahlen. In den Augen der kleinen Eule vor ihr sah sie unlesbare Gedanken, jedoch schien auch sie sich von der letzten Nacht ablenken zu wollen. Risal fuhr fort. »Siehst du den Weg hier?« Er drehte sich leicht und deutete mit einem Flügel auf eine Schneise zwischen den Bäumen. »Mariven und ich gehen voraus, du folgst danach durch den Wald. Dein Ziel ist es, vor uns bei dem großen Stein dort vorne anzukommen, ohne, dass wir Verdacht schöpfen, verfolgt zu werden. Soweit klar?« »Ja«, kam knapp von der Schülerin. Risal lief los, gefolgt von Mariven. Die beiden verhielten sich unauffällig, blickten gelegentlich herum, blieben stehen oder schwangen sich für ein paar Momente in die Luft.
Kurz darauf hörte Mariven ein leises Rascheln links hinter sich. Sie wusste, dass es Viserla war, die sich wohl gerade durch die Bäume schlich. Es wurde nicht von ihr erwartet, komplett still zu sein. Das war unter diesen Umständen nicht zumutbar. Die Übung hatte lediglich den Sinn, dass Spione lernen, geschickt mit ihrem Körper umzugehen und zu wissen, wie man sich hinter den Geräuschen der Natur verstecken kann. Dennoch war sie kurz vor ihrer Prüfung, daher wurde sie mit einer gewissen Strenge beobachtet. Mariven und Risal mussten vorgeben, Viserla nicht zu bemerken, um der Schülerin keine Hinweise zu geben. Gleichzeitig achteten die zwei älteren Eulen auf jedes kleinste Geräusch, da sie Viserlas Leistung ja auch bewerten wollten. Flügellänge um Flügellänge kam der große Felsen näher. Plötzlich ertönte ein lautes Knacken, die Schülerin scheint wohl einen brüchigen Ast erwischt zu haben. Das war nicht das beste Ergebnis, da eine feindliche Patrouille sofort anfangen würde, nach der Ursache zu suchen. Kurz bevor Risal viele Momente später bei dem Felsen ankam, trat Viserla plötzlich vor ihnen aus dem Schatten des Felsens hervor. Mariven war überrascht, dass sie den letzten Teil der Aufgabe unbemerkt bestanden hatte, doch sie bemerkte auch die gemischten Gefühlen in den Augen der Schülerin.
»War nicht gut, ich weiß«, piepste sie, bevor Mariven zu Wort kam. »Ich finde, du hast den letzten Abschnitt sehr gut gemeistert. Ich war überrascht, dass du plötzlich schon hinter dem Felsen bist.« Ein leiser Funken Hoffnung kehrte in die Augen der Schülerin zurück. Vorsichtig meldete sich Risal zu Wort. »Du wirst es ahnen – als vertretender Mentor ist es meine Aufgabe, dir mitzuteilen, dass mindestens das Knacken schnell für Aufmerksamkeit gesorgt hätte. Aber nimm dir das nicht zu Herzen, dafür üben wir das ja. Und wir sind auch alle noch erschöpft von gestern.« Er blickte sich um, auf der Suche nach einer anderen Aufgabe. Doch diese stellte Mariven. »Lass uns etwas anderes versuchen. Hier in der Gegend hat es auch nachts einige Mäuse, die sich aus ihren Verstecken trauen. Ich hätte gerne, dass du uns eine Maus fängst.« Maus fangen schien ihr eine sinnvolle Aufgabe. Einerseits ist das für jede Eule nützlich, egal, welcher Herkunft oder Ausbildung. Und andererseits würde das zusätzlich einen kleinen Beitrag zum Beutehaufen des Stammes beitragen. Sie hatten die Bachfelsen wieder für sich doch der Futtervorat musste immerhin irgendwie wieder aufgefüllt werden.
»Ja, ok«, kam von der Schülerin. Ihr Ton war unsicherer und stiller als noch zuvor. Den beiden älteren Eulen entging das nicht und sie tauschten einen besorgten Blick aus. Viserla schwang sich in die Luft und in den nächsten Baum. Sie war weit genug von den beiden anderen entfernt, damit Mäuse nichts ahnten, aber noch nah genug dran, um von den Blicken der beiden analysiert zu werden. Sie schien sich nun mehr anzustrengen und tastete sich vorsichtig auf einem Ast nach vorne. Unter ihr am Boden befand sich Laub, welches die Wurzeln des Baumes bedeckte. Diese Stellen waren beliebt bei Mäusen, welche gerne unter dem Laub und in der Nähe der Wurzeln ihren Bau anlegten. Und tatsächlich: Viele Herzschläge später raschelte es im Laub unter ihr. Blätter bewegten sich. Dann Stille. Etwas später raschelte es erneut und kurz darauf war der Kopf einer Maus zu sehen, welche durch die dünne Schicht Laub sah. Sofort fokussierte Viserla die Maus an und machte sich bereit für einen Sturzflug. Doch sie hielt sich noch zurück, der Moment war noch nicht gekommen. Geduld gehört zum Jagen dazu wie scharfe Krallen.
Weitere Herzschläge vergingen, die Maus hatte sich langsam etwas weiter aus ihrer Höhle getraut und stand nun ein, zwei Flügellängen entfernt von Baum im Laub. Die Schülerin beobachtete sie ganz genau, ihre gesamte Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf jede kleinste Bewegung des Nagetiers. Das Wesen schien keine Gefahr zu spüren und streckte stattdessen die Nase in Richtung Erde. Viserla machte sich zum Angriff bereit, ihre Augen waren gekettet an die Maus, ihre Beine trugen sie auf dem Ast geräuschlos weiter nach vorne, näher an ihr Ziel heran. Zu fokussiert auf den Boden merkte sie nicht, wie einer ihrer Füße den Ast verfehlte und ins Leere griff. Sofort verlor sie das Gleichgewicht und stützte vom Ast. Panisch stieß sie einen Schrei aus, suchte nach dem Ast, doch fand keinen Halt mehr. Viserla breitete ihre Flügel aus, in der Hoffnung, sich fangen zu können. Sie konnte ihren Fall abbremsen, kam aber trotzdem unsaft auf dem mit Blättern bedeckten Boden auf. Sofort eilten Risal und Mariven aus ihrem Versteck zu ihr, die Maus war längst über alle Berge.
»Viserla! Alles ok?« Die Schülerin schüttelte sich die Blätter und den Dreck aus den Federn. Sie richtete sich auf und blickte um sich, die beiden anderen Eulen kamen vor ihr stehen. Ihre Augen wurden trüb, sie starrte in die Ferne. »Viserla?«, fragte Risal erneut. »...äh, jaja, alles in Ordnung«, brachte die Schülerin hervor, doch überzeugend klang sie nicht. Mariven wollte gerade vorschlagen, das Training abzubrechen, als Risal zuerst das Wort ergriff. Auch seine Worte klangen unsicher. »Meinst du, du willst es nochmal versuchen? Vielleicht finden wir ein--...« Risal wurde von Viserla unterbrochen. Diese stand immer noch wie eingefroren auf dem Laub, ihr Blick in das Nichts gerichtet. »Ich kann das nicht«, ertönte es heiser aus ihrem Schnabel. Mariven wusste nicht, wie sie antworten sollte. Im Ton der Schülerin lag mehr, als nur die Weigerung, eine Maus zu fangen. »Das hier...!« Viserla sah sich um. »Spion, Jagen, Kämpfen, was noch alles. Ich kann das nicht! Nicht nachdem-...« Ihre Stimme erstarb und Mariven wusste sofort, dass der Tod ihrer Mutter in den Gedanken der jungen Eule hing. Risal legte vorsichtig einen Flügel um sie, auch er schien verstanden zu haben. »Das ist nachvollziehbar. Komm, wir gehen zurück. Du hast heute wohl schon mehr geleistet, als du hättest sollen. Lass uns das mit den anderen besprechen.«
Kapitel 9
MARIVEN BEGLEITETE VISERLA und Risal wieder zurück zum Lager. Sie flog etwas hinten ihnen, in Gedanken. Ich kann das nicht, hallten ihr die Worte der Schülerin nach. Sie machte sich Sorgen um sie, wusste aber auch nicht, wie sie helfen könnte. Marivens Gedanken schienen so laut und gleichzeitig so still. Sie merkte, dass der Kampf um die Bachfelsen noch an ihren Gliedern zogen und die Erschöpfung in ihren Knochen gelegentlich wieder anstieg. Etwas später erreichten sie ihr Lager. Mariven setzte neben den zwei anderen Eulen zur Landung an, Risal näherte sich ihr. »Ich rede kurz mit Cerphyra«, richtete er an sie und machte sich auf den Weg zu ihrem Bau. Mariven sah auf die Viserla, welche gerade neben ihr auftauchte, und schaute sie aus mitfühlenden Augen an. »Kann ich etwas für dich tun?«, fragte Mariven, die Schülerin schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Ich glaube, ich brauche etwas Zeit für mich.« Mariven setzte sich zu Fuße eines Baumes und sah Viserla zu, wie sie wohl nach Crelat suchte. Sie blickte in den Himmel. Schon wieder fiel ihr auf, wie angenehm Ruhe sein kann. Die Bäume trugen ihre Blätter im ruhigen Wind, der Wald der Sterne wachte über sie und der Mond strahlte sein Licht sanft durch die Wolken. Sie atmete tief ein und spürte, wie die angenehm kalte Luft der Nacht tief in ihren Körper strömte. Vielleicht brauchte sie keine vier Tage Schlaf, sondern einfach mental ein bisschen Ruhe.
Ihre Augen ruhten auf den Eulen des Stammes, welche auf der Lichtung sich beschäftigten. Durch die Blätter erkannte sie Blesas Federkleid in ihrem Nest liegen. Maupe streckte ihren Kopf durch den Jungenbau und schien sich zu unterhalten. Dann büchste die kleine Talari aus, nur um postwendend von ihrer Mutter Ialis wieder zurück in den Bau gezogen zu werden. Werot watschelte gerade um den Bau der Spione herum, dann erschien Zeyfeis zwischen den Blättern und schob ihn förmlich wieder zurück in Richtung Heilerbau. Ein Schmunzeln huschte über Marivens Gesicht bei dem Gedanken, dass jede Eule gerade irgendein anderes Ziel im Kopf hat. Zudem war sie erleichtert, dass die Erschöpfung des Kampfes und die Trauer des Verlustes aus den meisten Gesichtern des Stammes etwas gewichen war und langsam eine Spur mehr Normalität einkehren konnte. Sie wurde in ihren Gedanken unterbrochen von Cerphyras Ruf. »Ich berufe alle beutefähigen Stammeseulen ein, sich in der Mitte der Lichtung für eine Versammlung einzufinden.« Mariven spitze die Ohren und richtete sich auf. Das war der bekannte Ruf der Anführer, um mit dem Stamm zu sprechen. Je näher sie der offenen Fläche der Lichtung kam, desto mehr Eulen fanden sich um sie herum ein. Blesa streckte ihren Kopf aus dem Heilerbau, kam aber nicht näher. Risal erschien aus dem Anführerbau und begab sich ebenfalls zu seinen Stammesgefährten. Einige Momente später wimmelte der Platz von Eulen, als Cerphyra in der Mitte der Lichtung landete und das Wort erhob.
»Anlässlich des Verlustes unserer geehrten Spionin Ferilya und deren Folgen daraus habe ich eine Entscheidung getroffen.« Bei dem Namen der verstorbenen Eule saß sich Mariven nach deren Tochter um. Zwei Herzschläge später fand sie die Schülerin neben Crelat und verunsichert zuhören. »Ich will Viserla anbieten, zeitweilig bei mir unterzukommen, da sie aktuell als einzige im Schülerbau schläft.« Auch Cerphyra sah sich nach der Schülerin um. »Viserla, ist das für dich in Ordnung?«. Mariven hörte ein leicht überraschtes »J-ja...« von der Schülerin durch die Menge. »Gut, so sei es«, fuhr die Anführerin fort und wandte sich wieder an den Stamm. »Viserla hätte zu nächstem Mondhoch ebenfalls ihre Prüfung. Aufgrund der Umstände ist dies bis auf weiteres ausgesetzt. Damit ist von meiner Seite die Versammlung beendet.« Einige Eulen freuten sich für Viserla, andere waren irritiert. Cerphyra versicherte sich noch, dass es keine Fragen oder Zwischenrufe des Stammes gab und trabte dann in Richtung Crelat und Viserla. Mariven beobachtete, wie sich der Rest des Stammes langsam wieder verteilte und ihren ursprünglichen Aufgaben nachgingen.