Kapitel 1
DER MOND FUNKELTE durch die Nacht und durchleuchtete die Brombeerhecke der beiden Stammesheiler mit gespenstischem Licht. »Tut es noch weh?« Zeyfeis stand neben seiner ehemaligen Mentorin Blesa, hatte ihren Flügel angehoben und drückte seinen vorsichtig gegen ihre Flanke. Der Beutemangel hatte dem Stamm über die Blattleere sehr zugesetzt und unter den Eulen verbreitete sich allmählich Weißer Husten. Es handelt sich um eine Krankheit, welche die Atemwege blockieren kann, Grippesymptome mit sich trug, schwer an den Gliedern der Eulen zerrte, sie schwächte und in schlimmen Fällen sogar zum grausamen Tode führen konnte. Erfahrene Heiler können kranke Eulen mit Habichtskraut, Gänsefingerkraut und Mohnsamen wieder heilen, doch ist Habichtskraut nicht so einfach zu finden wie Mohnsamen. Vor zwei Mondaufgängen hatte sich Blesa auf der Suche nach dem Kraut in einem Dornenbusch verfangen, sich die rechte Seite verletzt, konnte sich um sich schlagend wieder befreien doch stolperte und rollte unsanft einen steilen Abhang hinunter. Kurz darauf kam Magalis' Patrouille an der Stelle vorbei und begleiteten sie zurück ins Lager.
Bei der Berührung zuckte Blesa immer noch zusammen und spürte, wie Zeyfeis schnell seinen Flügel wieder zu sich zog. »Es geht schon fast wieder«, antwortete sie knirschend, doch Zeyfeis kannte sie besser. Der gezwungene Unterton verriet ihm, dass die Schmerzen zwar nachließen, aber die Heilerin dennoch an den Folgen des Sturzes litt. Er war neidisch auf ihre Willenskraft und Entschlossenheit, sich so für ihren Stamm zu opfern, aber er wusste auch, dass kranke und verletzte Heiler eine große Gefahr für die Eulen bedeuten können. »Trotzdem solltest du dich noch ausruhen«, entgegnete der Kampfheiler. »Aber der Stamm braucht mich«, knurrte Blesa mit funkelnden Augen. Zeyfeis warf einen Blick in das Kräuterlager des Heilerbaus. »Die Eulen schlagen sich gut und wir haben das Habichtskraut wieder aufgefüllt. Zudem sollte es sich kein Stamm leisten, dass ihre Heiler nicht gesund sind.« Eine Pause entstand. »Da hast du recht«, murmelte die Heilerin widerwillig, doch sah auch ein, dass es die beste Option war, die sie hatten.
»Ich muss los. Ich werde bestimmt schon erwartet«, bemerkte Zeyfeis. »Wohin?« »Wir bitten Fallende Wasser höflich, die Bachfelsen wieder abzutreten.« Blesa sah ihn verdutzt an, doch bevor sie zur Sprache kam, fuhr er mit einem Knurren in der Kehle fort. »Natürlich ist Ifera nicht so mäusehirnig, uns einfach Territorium zu schenken, nur weil wir sie freundlich danach fragen.« »Cerphyra will einen Kampf vermeiden, was nicht die schlechteste Idee ist. Das musst du ihr lassen«, warf Blesa ein, die nun die Situation verstand. »Schlecht ist die Idee nicht, aber eher lernen Igel fliegen als dass der Plan funktioniert«, schnaubte Zeyfeis und rollte müde die Augen. Er machte sich auf, den Bau zu verlassen, als sich plötzlich Mariven durch den Eingang schob. »Zeyfeis, wir sollt…–« Augenblicklich blieb ihr der Satz quer im Hals stecken, als der Kampfheiler nur eine halbe Federlänge vor ihrem Schnabel abrupt zum Stehen kam und sie aus großen und gleichermaßen erschrockenen Augen ansah. »...sollten uns auf den Weg machen«, endete die Spionin nach einem ausgesetzten Herzschlag. »Viel Erfolg«, tönte es von der Heilerin, die zu vertuschen suchte, dass sie sich merklich an der Situation amüsierte, während die zwei Eulen den Heilerbau verließen.
Das Lager war fast leer, der Mond schien heller als in den vergangenen Nächten und umhüllte den Wald sanft mit seinem schimmernden Mantel. Ferilya nahm sich gerade ein Stück vom Frischbeutehaufen am Rand. Gemütlich setzte sie sich neben Viserla und teilte das Stück mit ihrer Tochter. In der Mitte der Lichtung leuchteten zwei klare, gelbe Augen der Anführerin. »Wie geht es Blesa?«, wandte Cerphyra sich an Zeyfeis. »Viel besser aber sie ist immer noch erschöpft. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich noch etwas ausruhen«, antwortete der Kampfheiler. »Gut so, danke. Können wir los?« Cerphyra blickte in den Himmel. »Die Sterne stehen gut«, fügte sie laut aber an sich selbst hinzu. Als ob der Wald der Sterne etwas gegen die Sturheit von Fallende Wasser ausrichten könnte, schoss durch Zeyfeis’ Gedanken, aber er schob sie beiseite. Die Anführerin breitete ihre Flügel aus und schwang sich, gefolgt von dem Kampfheiler und der Spionin, in die Lüfte und in die Nacht davon. Dunkelheit umhüllte das weite Ufer, der große Mond stand schon lange am Himmel und schien hell sein Licht durch den Wald und auf die Lichtungen. Das raue Zwielicht hing wie Nebel über dem See und in den Bäumen, als die Patrouille wie drei dunkle Schatten über den Himmel zog, in Richtung des feindlichen Territoriums.
Kapitel 2
EIN GRELLES LICHT blendete Blesa und sie schloss sofort wieder ihre Augen. Das Bild wurde etwas klarer und sie erinnerte sich in dem hellen Schein an einen Umriss, der ihr bekannt vorkam. Sie schien zu schweben. Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, wurde plötzlich ihr Federkleid nass, schwerer, die Heilerin drehte sich und ihre Sinne schossen ihr durch die Gedanken. Träumte sie? Sie schlug die Augen auf und fand sich in den Tiefen des Sees wieder. Panisch strampelte und kämpfte sich Blesa Richtung Oberfläche, ihr Körper glitt merkwürdig flink durch das Wasser nach oben, immer schneller und schneller. Sie brauchte sich fast nicht mehr zu bewegen, wurde immer schneller und schoss fast vertikal laut krachend durch den Wasserspiegel. Mit noch unklarem Blick sah sie über sich keinen Himmel, sondern Boden, auf den die Heilerin ungebremst zusteuerte. In blanker Todesangst befahl sie ihren Flügeln, sie zu retten, doch diese rührten sich nicht von der Stelle. Ihre Gedanken wirbelten wild, sie öffnete den Schnabel zu einem erbitterten Schrei, doch anstatt atmen zu können wurde ihr die Luft tief zurück in die Kehle gepresst und erstickte jeden Ton. »Der Wald wird fallen«, hauchte eine raue Stimme nur kaum hörbar neben ihr. Blesa presste ihre Augen zusammen und nur Herzschläge vor dem Aufschlag stand die Heilerin plötzlich einige Flügellängen hinter Zeyfeis.
Der wilde Luftzug um sie herum verschwand, der Boden verblasste, sie lief in Dunkelheit. Sie sah den Kampfheiler des Stammes, welcher sich hektisch umblickte, aber äußerst vorsichtig und Schritt für Schritt von ihr entfernte. »Zeyfeis?«, rief sie noch außer Atem in die bedrückende Stille hinein. Als dieser keine Reaktion zeigte, konnte sich Blesa nicht halten und rannte auf ihn zu. Auf der Hälfte des Weges stolperte sie über einen Ast am Boden und brachte ihn unter einem knirschenden Knacken zu Bruch. Augenblicklich fuhr Zeyfeis zu ihr herum und sah sie mit angsterfülltem Blick direkt in die Augen. »Gelza?« rief er ihr entgegen. »Nein, ich bin es! Bles–« Die Heilerin brach das Wort ab als sie merkte, dass Zeyfeis mit leeren Augen durch sie hindurch starrte, als wäre sie nie da gewesen. Der Kampfheiler entfernte sich wieder von Blesa, kam aber auch näher, wurde größer, oder kleiner, erschien einen Herzschlag später auf dem einen Baum oder doch dem anderen und verschwand dann, bevor er plötzlich direkt neben ihr stand. Mit gespenstischem Blick starrte er tief in ihre Augen und legte sich langsam und besorgt Worte zurecht und öffnete zögernd seinen Schnabel. Sie war gefesselt an den Kampfheiler, konnte ihren Blick nicht abwenden. Sie sah zwar Zeyfeis' Silhouette, doch irgendetwas hatte sich an ihm verändert, was Blesa nicht greifen konnte. War er älter geworden? Ihre Sicht verblasste, der Traum konnte sie nicht mehr halten und sie fiel langsam wieder zurück in die Realität doch seine Worte hörte sie noch klar und deutlich. »Der Wald fällt.«
Die Heilerin öffnete erschöpft und mit rasendem Kopf die Augen und sah schwach die gewohnte Brombeerhecke des Heilerbaus über sich und die letzen Sonnenstrahlen, die das Lager mit orangefarbenem Licht fluteten. Ihr Kopf dröhnte noch von dem rauen Traum. Gerade wollte sie sich nach Zeyfeis umsehen, als sich ihre schmerzenden Knochen und das noch starke Stechen in ihrer rechten Seite von ihrem Sturz bemerkbar machten. Mit angestrengten Muskeln drehte sie sich langsam um und blickte durch den Bau. Der Heiler schlief, doch rang und wand sich, murmelte gelegentlich unverständliche Antworten und Rufe und lag schon fast neben seinem Nest. Plötzlich zuckte Zeyfeis zusammen und sie hörte einen erschreckten Atemzug und Luft, welche in seinen Körper strömte. Augenscheinlich beruhigte er sich wieder, doch eine helle Spannung knisterte noch um seine Federn herum. Kurz dachte Blesa daran, ihn zu wecken aber das wäre ein Fehler. Der Stamm leidet seit mehreren Vollmonden an Beutemangel, noch heute stellen sie sich deswegen einem Kampf mit Fallenden Wasser und der Weiße Husten besetzt immer noch einige Eulen. Auch, wenn diese einigermaßen damit zurechtkommen, hält es diese trotzdem im Lager fest. Zeichen aus dem Wald der Sterne haben grundsätzlich eine größere Bedeutung und speziell in solchen Zeiten ist es wichtig, diesen zuzuhören. Ganz gleich, ob Hoffnung oder Gefahr naht. Mit einem letzten mitfühlenden Blick drehte sich die Heilerin wieder in ihrem Nest um und sank erneut in den Schlaf.
Ein gedrückter Aufschrei und Zeyfeis, welcher Hals über Kopf und wild mit den Flügeln schlagend aus dem Bau preschte, rissen Blesa aus dem Schlaf. Sie stand wenige Herzschläge später hellwach in ihrem Nest und starrte für einen kurzen Moment ihrem ehemaligen Schüler hinterher. Sie sprang zum Ausgang des Baus und bemerkte im letzten Moment einige Bündel mit Kampfkräutern für die Krieger und Spione, die Zeyfeis schon vorbereitet hatte. Ihr Blick fiel durch den leichten Regen aus dem Bau und sie sah, wie Zeyfeis vollkommen verständnislos und alleine inmitten der Lichtung stand und blicklos der gerade aufbrechenden Frühpatrouille hinterher starrte. »Zeyfeis?«, rief sie ihm zu, doch er reagierte nicht. Blesa beugte sich zum Boden, nahm einen Bündel in den Schnabel und tappte besorgt zu ihm hinaus. »Alles ok bei dir?«, sprach sie ihn vorsichtig an, da er sie ansonsten nicht zu bemerkten schien. Er riss erschrocken den Kopf zu ihr herum bevor er den Schnabel öffnete. »J... ja, alles gut«, stammelte er benommen und blickte auf die Kräuter, die sie trug, doch mehr Worte fand er nicht. »Hattest du die Kampfkräuter schon fertig? Dann kann ich die hier schon mal für dich verteilen.« bot Blesa an, um ihn abzulenken und wieder in die Wirklichkeit zu bringen. »...Kampfkräuter?« entgegnete der Heiler mit immer noch abwesendem Blick. »Achso, ja. Die sind fertig.« »Du siehst irgendwie so aus, als hättest du Igel fliegen sehen«, spielte Blesa mit einem amüsierten Unterton auf seinen Kommentar der vergangenen Nacht an. »Schön wär's. Ich bin nur etwas müde«, antwortete er träge. Auch, wenn sie sich ebenfalls erschöpft fühlte, nahm sie ihm nicht ab, dass nicht sein Traum der eigentliche Grund für sein Verhalten war. Doch darüber würden sie später noch reden. Die Heilerin blinzelte ihn zweimal verständnisvoll an und machte sich auf den Weg zum Kriegerbau. »Danke dir!« rief Zeyfeis ihr hinterher und holte sich ebenfalls ein Bündel Kampfkräuter.
Kapitel 3
DIE STERNE STRAHLTEN am Himmel und der große Mond warf sein klares Licht auf den Wald. Die meisten Eulen haben das Lager schon hinter sich gelassen, der Kampf hatte bereits begonnen. Unter einer Kralle der Heilerin der Schnellen Winde fielen zwei Blätter Habichtskraut und einige Mohnsamen aus einer Felsspalte auf ein Buchenblatt. Sie reckte ihren Hals und langsam bewegte sich ihr Kopf an dem Gestein weiter nach oben. Blesa öffnete den langen Schnabel etwas und schob ihn sacht in die oberste Spalte des Felsens im Bau. Langsam und äußerst vorsichtig umschloss sie einige Wacholderbeeren, nahm diese heraus und legte sie neben dem Habichtskraut auf das Blatt am Boden. Nur fast berührte sie mit dem Schnabel ihr Bein, als sie mit diesem und einer Kralle das Kräuterbündel packte, und mit einer gekonnten Bewegung ein kleines Loch in das obere Ende des Blattes gebissen hatte, womit die Heilerin das Bündel nun sicher tragen konnte. Mit dem Päckchen, das ihre hellbraunen, am Hals fast weißen, Federn streifte, bewegte sie sich auf die andere Seite des Baus und verschwand durch den Ausgang in der Hecke hinaus auf die Lichtung. Im Kopf der Heilerin wirbelten so viele Gedanken und Sorgen, dass sie weder einen nennen noch begreifen konnte und so entstand ein haltloses Ungewiss. Doch sie ließ es geschehen, weil sie wusste, dass fast alles davon mit dem gerade ausgetragenen Kampf zwischen Schnellen Winde und Fallenden Wasser entschieden wird. Unter den wenigen Eulen, die noch im Lager waren, herrschte eine angespannte und verunsicherte Stimmung, gelegentlich gebrochen durch hoffende Zuversicht, aber die Folgen einer möglichen Niederlage waren zu groß, um ignoriert zu werden.
Sie schob den Gedanken beiseite und fokussierte sich auf das Problem, an dem sie jetzt etwas ausrichten konnte. Etwas versetzt hinter dem Heilerbau, in einer kleinen Hecke am Felsen, waren zwei Eulen untergebracht, welche mit dem Weißen Husten kämpften. Der Bau lag eben gelegen und geschützt vom Rest des Lagers, damit sich Krankheiten nicht verbreiten konnten, doch immer noch nahe genug und in Reichweite der Heiler. Blesa streckte ihren Kopf durch den Eingang und sah zwei Schatten an den Rändern der Hecke. »Winalba? Wela?« »Winalba schläft«, ertönte eine leise aber raue Stimme und die kleinere der Eulen raffte sich vorsichtig auf, während die Heilerin zu ihr in den Bau trat. »Geht es dir besser?«, wand sie sich leise an den braun getigerten Schüler und setzte das Kräuterbündel direkt vor seinen Füßen auf den bedeckten Boden. »Nicht wirklich. Auch Winalba ist–« krächzte Wela, wurde aber von einem erstickten Husten unterbrochen. »Ruhe dich aus. Du brauchst deine Kräfte«, endete Blesa für ihn und legte sanft ihren Flügel an seine Seite. Der Schüler blickte sie mit besorgten Augen an. »Wie geht es Risal?«, zwang er die Worte aus seinem Schnabel heraus. »Ihm und Viserla geht es bestens.« Sie wollte sich gerade zu den Kräutern bücken, als sie seinem betrübten Blick begegnete. »Du verpasst nichts, keine Sorge. Wir wollen einfach, dass ihr wieder gesund werdet«, fügte sie mit einem verständnisvollen Blick hinzu.
Risal war Welas Mentor und Viserla Winalbas Schülerin. Zum Glück hatte der Stamm den Weißen Husten rechtzeitig bemerkt und sie versorgt, ohne, dass sich noch anderen Eulen ansteckten. Bis sie wieder gesund sind, trainiert Viserla gelegentlich mit Lotopi und Risal, hauptsächlich, um sich nochmal etwas Training und letzte Tipps geben zu lassen. Sie stand kurz vor ihrer zweiten Prüfung zur Spionin und auch für Wela war für die nächste Mondlänge seine erste Kriegerprüfung geplant. Blesa zerriss ein Blatt des Habichtskrauts in kleine Stücke und hielt sie vor Wela. »Hier. Das letzte Mal für heute.« Vorsichtig legte er seinen Schnabel um ihren, nahm der Heilerin die Kräuter ab und fing an, diese zu zerkauen, während er unter dem bitteren Geschmack sein Gesicht verzog. Als er fertig war, schob Blesa ihm die Hälfte der Wacholderbeeren näher und deutete auf den anderen Stapel Kräuter. »Sag Winalba, sie soll die hier und das Habichtskraut nehmen, sobald sie wach ist. Die Mohnsamen kann sie wohl erst wieder nach Monduntergang brauchen.« »Werde ich machen, danke«, antwortete der Schüler und legte sich wieder in sein Nest.
Behutsam stapfte sie aus der Hecke heraus in die milde, klare Nacht. Zurück im Heilerbau sehnte sich Blesa ebenfalls nach etwas Schlaf, doch dafür war nur wenig Zeit. Sie musste zum Schlachtfeld und nachsehen, ob jemand versorgt oder sogar zurück ins Lager gebracht werden musste. Kurz schloss sie ihre Augen, doch schon schoss ihr Kraft und ein unhaltbarer Drang durch den Körper, auf der Stelle nach Zeyfeis und ihren Stammesgefährten zu sehen. Auf dem Weg aus dem Bau hinaus drückte ihr wieder ein vertrautes Stechen in die Seite und sie blieb stehen. Der Schmerz hatte seit Mondaufgang nachgelassen und Blesa fühlte sich auch erheblich besser, dennoch nahm sie sich selbst noch einen Mohnsamen aus dem Vorrat, bevor sie sich auf den Weg machte. Das Letzte, was sie auf ihrer Reise brauchen konnte, ist, dass die Schmerzen sie überraschend zu einer Notlandung zwangen. Über der Lichtung lag ein sanfter Nebel und die Sterne standen gut für einen Kampf. Steh ihnen bei, richtete Blesa die Bitte ihnen schweigend entgegen und wie als Antwort leuchtete ein Stern direkt über ihr leicht auf. Sie streckte sich, breitete ihre langen Flügel aus, schwang sich in die Luft und in Richtung der Himmelseichen davon.
Kapitel 4
IM DUNKLEN SCHATTEN der Nacht flog eine Heilerin zwischen den Baumkronen durch den Wald. Ihre Flügel arbeiteten schnell aber leise, um versteckt zur Lichtung zu gelangen, auf welcher der Kampf ausgetragen wurde. Sie will in dieser Situation von Fallenden Wasser aber auch aus ihrem Stamm so wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich auf sich ziehen. Dies war eine Routineaktion und kein Ablenkungsmanöver. Zudem Blesa wegen ihrer stechenden Seite noch nicht wirklich verteidigungsfähig war. Nach einiger Zeit entdeckte die Heilerin weit entfernt einen hellen Flecken im Wald und unzählige Wesen am Boden, in den Bäumen und durch die Luft schossen. Blesa zog leicht nach oben und manövrierte nun präzise und fast vollkommen lautlos durch die dichten Äste des Waldes näher an das Schlachtfeld heran. Kurz vor der Lichtung erblickte sie das Heilerlager, welches sich versteckt zwischen den Bäumen befand und setzte zur Landung an.
Zeyfeis war noch unruhig mit den Kräutern beschäftigt aber bewachte gleichzeitig das Geschehen des Kampfes. Der Kampfheiler bemerkte Blesa erst, als sie zwei Flügellängen hinter ihm im Schatten der Nacht landete und richtete sich auf. »Blesa, wie geht es dir?« In seiner Stimme lag zwar Besorgnis aber auch ein Funken Ärger, da sich die Heilerin trotz ihrer Verletzung auf die Reise zu ihm bemüht hatte. »Seit Mondaufgang ist es schon besser. Wela und Winalba schlagen sich ebenfalls gut.«, entgegnete sie und ließ ihren Blick über die Lichtung und die unzähligen Eulen schweifen. »Wie geht es euch? Gibt es Probleme?« Durch Zeyfeis' Augen blitzte kurz ein Unbehagen bevor er seinen Schnabel öffnete. »Bisher geht es allen gut, das Heilerlager ist auch gut geschützt. Doch wir spielen einen unfairen Kampf. Fallende Wasser haben ihre Spione–« Er wurde von einem zerreißenden Kreischen unterbrochen, wirbelte herum und sah, wie Shazora und Qephali mit wild funkelnden Augen aus den Bäumen Richtung Werot schossen. Einen Herzschlag später erfassten sie den Krieger mit einem gefährlichen Angriff und schleuderten ihn quer über das Feld. Er landete hart, überschlug sich, rollte einige Flügellängen und blieb regungslos auf dem trockenen Boden liegen.
»Werot!«, schrie Zeyfeis mit erstickter Stimme und bebendem Schnabel. Wütend sprang der Kampfheiler in die Luft und breitete schlagartig seine langen Flügel aus. Er beschleunigte, wie es sonst nur geübte Spione konnten, und schoss einen Augenblick später und mit einem schrillen Fauchen quer über die Lichtung. Blesa hatte sich ebenfalls wieder gefasst und stürzte im selben Moment zum Kräuterhaufen. Ihre Gedanken wirbelten und überschlugen sich schneller als ihr Kopf mithalten konnte. Während sie mit dem Schnabel vier Blätter Bienenkraut aufnahm und etwas Schachtelhalm und auf ein Buchenblatt legte, suchte sie mit einer Kralle nach Spinnenweben. Hals über Kopf schnappte sie noch ein Stück nasses Moos und warf es auf das Bienenkraut. Dann merkte sie, wie sich ihr Fuß in Spinnenweben verhing und wickelte sich mehrere Streifen um ihr rechtes Bein. Mit dem Schnabel und einem Flügel schloss sie gekonnt das Buchenblatt, biss in das obere Ende, riss die Spinnenweben ab und schwang sich in die Luft zu Werot.
Gerade noch sah sie, wie Marsol und Zeyfeis den Krieger abseits der Lichtung behutsam absetzten und der Kampfheiler mit der ersten Untersuchung anfing. Doch nur einen Herzschlag später erstarrte er in seiner Bewegung und presste plötzlich einen Flügel feste gegen Werots bebende Seite. Blesa setzte zur Landung an und ihr Atem stockte. Eine große Wunde funkelte unter der Schwinge des Heilers und zog sich lang über den Körper des Krigers. Dunkelrotes Blut quoll hervor und drang allmählich auch durch Zeyfeis Federn. Dieser warf seine weiten Augen zu Blesa, sah die Kräuter, ließ augenblicklich von Werot ab, sprang zu ihr, riss der Heilerin vorsichtig die Spinnenweben vom Bein und drückte diese auf Werots Wunde. Blesa legte das Buchenblatt ab, nahm die Kräuter heraus und fing neben dem Heiler an, den Krieger mit Schachtelhalm zu versorgen. Inzwischen hatte die Blutung nachgelassen und Werots Atem hatte sich ebenfalls etwas beruhigt. Der Heiler wollte sich gerade nach dem Moos beugen, als plötzlich zwei helle Schreie den Kampf übertönten und über die Lichtung legten.
Noch außer Atem schwang sich Zeyfeis wieder in die Luft und Richtung Schlachtfeld. Vor sich sah er Ariwis und folgte dem Spion in die Bäume. Blesa beugte sich erneut zu Werot, legte behutsam ihren Flügel auf ihn und horchte seiner Atmung und dem sich beruhigenden Herzschlag. »Danke, Blesa«, murmelte er und versuchte, sich wieder aufzurichten. »Bleib noch etwas abseits« wendete sich Blesa an ihn, bevor er wieder auf seinen Füßen stand. »Brauchst du noch was?« »Nein, sollte gehen.« »Gut, dann werde ich mich wieder auf den Weg machen. Zeyfeis sollte auch bald wieder zurück sein.« endete sie mit einem Blick in die Bäume, in die der Heiler Ariwis gefolgt war. Ihre Augen streiften noch einmal über die Lichtung, dann machte sie sich zum Aufbruch bereit. Heiler sollten nicht länger als nötig die im Lager verbliebenen Eulen alleine lassen. Zudem merkte sie, wie die Wirkung des Mohnsamens nachließ und der Schmerz in ihrer eigenen Seite langsam zurückkehrte. So wandte sie sich ab und schwang sich wieder in die Nacht in Richtung des Lagers davon.
Nur kurz nachdem die Heilerin die Lichtung außer Sichtweite gelassen hatte, bemerkte Blesa weit vor sich eine kleine Eule, die panisch und wild mit den Flügeln schlagend aus den Bäumen auftauchte und auf sie zugeschossen kam. Sie beschleunigte etwas und immer deutlicher wurde die Gestalt der hellgrau gemusterten Schülerin. Verzweifelt und außer Atem schrie sie um Hilfe und den Namen der Heilerin, während sie ihr immer näher kam. »Blesa! Komm schnell!« Viserlas weit aufgerissene Augen waren von übermäßiger Angst überflutet, ihre Federn zerzaust und um den hellen Fuß und das verkratzte Bein der Schülerin verwickelt hing eine abgerissene Ranke. Bevor sie weitersprechen konnte, schoss ein äußerst schwerer und bitter bekannter Geruch durch Blesas Sinne, welcher von der Schülerin mitgetragen wurde. Es war ein Geruch, der große Gefahr bedeutete. Ein Geruch, unter dem sie schon zu viele wertvolle und geliebte Eulen verlieren musste. Ein Geruch, der einen Stamm töten konnte. Die blanke Panik in Viserlas Körper übertrug sich schlagartig in ihren eigenen und der Magen der Heilerin drehte sich um. Fuchs!
Kapitel 5
SOFORT ZOG DIE Heilerin ihre Flügel naher und preschte ihrem Lager entgegen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die graubraune Schülerin versuchte, mitzuhalten. Panik wehte hinter den beiden Gestalten her. Warum jetzt? Wir haben genug Probleme, schoss Blesa durch den Kopf, doch sie drückte die Gedanken beiseite. Es zählte jede Sekunde und jede Eule, die eine potentielle Katastrophe vermeiden konnte. Schon vom Weitem waren die feuerroten Felle der Füchse inmitten der Lichtung deutlich erkennbar. Plötzlich sah Belsa, dass sich einer der Tiere dem Heilerbau näherten. Das Herz der Heilerin wollte stehen bleiben. »Wela! Winalba!« gellte ihr verzweifelter Schrei durch die Luft. Sie setzte zum Sturzflug an in Richtung des roten Raubtiers, welcher sich den zwei kranken und geschwächten Eulen langsam bedrohlich nahe kam. Mit kalt brennender Wut fuhr sie ihre Krallen aus und rammte sie ungebremst in die Seite des Fuchses.
Mit einem lauten Jaulen wurde dieser zur Seite geschleudert und landete hart auf dem Boden. Bevor er sich wieder aufrappeln konnte, hatte er schon den Schnabel der Heilerin in der Flanke. Unter Fauchen konnte sich das Tier loskämpfen und setzte zur Flucht an. Blesa ließ einen Blick über die Lichtung schweifen. Ferilya, Viserla und Magalis kämpften gegen zwei weiteren Füchse, Ialis stand fauchend vor ihrem Nachwuchs. Blesa wandte sich ab und streckte ihren Kopf durch den Eingang des Heilerbaus. Auf der anderen Seite sah sie vier panisch leuchtende Augen. »Verletzt?«, fragte sie knapp und atmete auf, als beide Augenpaare den Kopf schüttelten.
Draußen mischte sich das Kreischen der Eulen mit dem der Füchse, während die langsam erwachende Sonne dunkelorange Strahlen über die Bäume warf. Durch die Blätter sah Blesa, wie zwei Gestalten in der Nähe des Ältestenbaus rangen. Sie eilte wieder aus dem Bau und zu ihren Stammesgefährten. Während Viserla an ihr vorbeizog, stürzte Blesa sich auf ein weiteres Tier und versuchte, ihm die Krallen durch das Fell zu ziehen. Doch dann machte sich ein bekannter Schmerz ihrer Verletzung in ihrer Seite bemerkbar. Sie traf den Fuchs doch zuckte selbst vor Schmerz zusammen und drohte, zu fallen. Im selben Moment griff eine dunkelgraue Eule kreischend das Tier an. Dieses ließ ein grimmiges Jaulen ertönen und blickte sich nach einem Fluchtweg um. Viserlas Schnabel schoss noch einmal in das Fell des anderen Fuchses, bevor dieser sich ebenfalls losreißen konnte und zurück in die Wälder floh.
Blesa blickte zur grauen Eule neben ihr. »Danke, Maupe.« Die Älteste blickte die Heilerin erleichtert an. »Danke dir.« Blesa sah sich um, während sich die Eulen allmählich versammelten. »Ist jemand schwer verletzt?« Magalis warf einen besorgten Blick zu Maupe, doch die lachte nur. Dann meldete Magalis sich selbst zu Wort. »Ich habe einen großen Schlag abbekommen, aber sollte nicht gefährlich sein.« Die Heilerin musterte ihre Form. »Ich will mir das trotzdem nachher anschauen.«. Die Kriegerin nickte. Blesas Blick fiel über die Lichtung, auf der Suche nach Ialis. Kurz darauf fand sie ihre Schwester beim Jungenbau. »Uns geht es gut«, rief die Königin Blesa zu. Gerade wollte sie sich zum Heilerbau wenden, als sie ein Schluchzen in der Nähe des Ältestenbau hörte. Sie näherte sich und streckte den Kopf durch die Blätter. Viserla kauerte wimmernd über einem verwundeten, regungslosen Körper. Ferilya! Nein! Augenblicklich schob Blesa angsterfüllt die Schülerin beiseite und drückte einen Flügen an Ferilyas Hals und einen gegen ihre Brust. Sie hoffte, betete. Doch dafür war es zu spät. Von der Spionin ging kein Lebenszeichen mehr aus. Die Wärme wich langsam von ihren braun getigerten Federn.
Die Heilerin ließ erschöpft ab und hob den Kopf gen Himmel. »Der Stamm der Schnellen Winde ehrt deine Loyalität und wünscht dir eine gute Reise. Du wirst hier immer willkommen sein«, sprach sie in die Nacht, um die Spionin ein letztes Mal zu verabschieden, welche nun im Wald der Sterne ruhte. Blesa spürte, wie Ferilyas wimmernde Tochter sich an sie drückte. Viserla stand verzweifelt neben Ferilya und drückte schluchzend den Schnabel in ihre Federn. Schützend legte Blesa einen Flügel um die Schülerin. »Es tut mir so leid. Du hast-...«, doch Viserla unterbrach sie mit rauer Stimme. »Nein, es ist meine Schuld. Ich hätte das Lager nicht einfach so verlassen sollen. Was habe ich mir nur dabei gedacht?« Vorsichtig schob sich Maupe zu ihnen und sprach mit verständnisvoller Stimme. »Kleine... Es ist nicht deine Schuld. Ich bin froh, dass du Blesa geholt hast.« Sie zögerte kurz bevor sie fortfuhr. »Es tut mir leid, das zu sagen, aber du hättest es nicht ändern können. Aber ich wünschte so sehr, wir könnten es ändern. Du hast das nicht verdient, meine Liebe.«
Die Sonne blinzelte vorsichtig über die Bäume, die Sterne des Nachthimmels verschwanden langsam. Auf der Lichtung herrschte eine bedrückte Stille. Der Kampf gegen die Füchse war vorbei, sie hatten gewonnen. Doch auch dieser Kampf hatte seinen Preis. Einen Preis, den man sich keiner Eule wünschte. Blesa blickte zur Schülerin, die soeben ihre Mutter verloren hatte. Die Heilerin wäre gerne hinter den Füchsen her und hätte sie dafür mit eigenen Krallen in Fetzen gerissen. Doch sie wusste, dass das nichts ändern würde. Es war vorbei. Das Schluchzen der Schülerin wurde allmählich durch Gähnen unterbrochen. Blesa wusste, dass das nicht nur die körperliche Anstrengung war. Sie begleitete Viserla sanft hinaus auf die Lichtung. An ihrer Seite merkte die Heilerin, wie erschöpft und überfordert die Schülerin war. »Du musst dich ausruhen«, sagte die Heilerin mit etwas rauerem Ton, als gewollt. Sie begleitete Viserla zum Schülerbau und die junge Eule fiel förmlich in ihr Nest. Blesa holte schnell einen Mohnsamen zur Beruhigung aus dem Vorrat, setzte sich neben die Schülerin und legte diesen vor ihr ab.
Als sie den Samen zögerlich schluckte, fügte Blesa in fürsorglichem Ton hinzu: »Wir sind für dich da, Viserla. Wir helfen dir da durch. Ich verspreche es dir.« Die Heilerin sah in die niedergeschlagenen und trüben Augen vor ihr. Viserla versuchte, noch etwas einzuwenden, doch die Erschöpfung zerrte zu sehr an ihren Knochen und Gedanken. Blesa legte ihren Flügel sanft auf ihre Seite. Sie wartete noch eine Weile, bis die Schülerin eingeschlafen war. Langsam verließ sie den Schülerbau, warf aber nochmal einen Blick zurück. Widerwillig hatte die Heilerin Viserla in ihrer Verfassung zur Ruhe bewegt, doch sie wusste, dass es gerade nötig gewesen ist. Die anderen Eulen hatten Ferilyas Körper bereits für die Beerdigung näher zur Mitte der Lichtung getragen. Blesa schaute in den Himmel. Der Wald der Sterne funkelte noch schwach auf die Blätter, doch wurde allmählich von der aufgehenden Sonne übertroffen. Die Heilerin war auf der Suche nach einem neuen Stern in ihren unendlichen Weiten. Doch stattdessen fand sie eine wohl bekannte Gruppe Eulen, die sich wieder dem Lager näherten.
Kapitel 6
Blesa stand mit einigen der anderen Eulen in der Mitte des Lagers, Ferilya leblos in der Mitte. Die Schmerzen in ihrer Seite hatten schon deutlich nachgelassen, hatten ihr über den Tag aber viel Energie gezogen. Die Erschöpfung zerrte an ihren Gliedern und die Stille war bedrückend. Die zurückkehrende Gruppe von Eulen landete auf der Lichtung, ihr voraus eine Anführerin, die gleichermaßen erschöpft wirkte. »Was ist geschehen?« Die Heilerin sah mit düsteren Augen zu ihrer Anführerin. »Wir wurden von Füchsen überfallen. Wir haben unser bestes getan, um den Stamm zu verteidigen.« Der Blick der Heilerin streifte über die Eulen. Sie sah Crelat, der neben der kalten Ferilya kauerte und Magalis neben ihm. »Doch alles hat seinen Preis.« Erst jetzt fiel ihr wieder auf, dass sie sich Magalis' Verletzung noch anschauen wollte. Ihr schwirrte der Kopf, so viele Gedanken waren noch offen.
Durch die Erschöpfung merkte sie erst spät, dass Cerphyra in den Himmel blickte und Ferilya die letzte Ehre aussprach. Blesa suchte nach Zeyfeis, um sich bei ihm zu erkundigen. Der graue Heiler stand neben Werot, den mit Blut bedeckten Flügel um den Krieger gelegt. Zeyfeis' blaue Augen sahen trüber aus als gewöhnlich als er sich an sie wendete. »Wir haben den Kampf gewonnen.« Erleichterung schoss in Blesas Knochen. Das war ein großer Erfolg für den Stamm. »Ich würde Werot heute gerne im Heilerbau behalten.« Blesas blickte knapp zu Magalis hinüber, dann zu Zeyfeis zurück. »Würdest du dir bitte Magalis grob anschauen? Sie hat ebenfalls eine Verletzung, sollte aber nichts Bedrohliches sein. Ich glaube, ich schaffe das heute nicht mehr. Ich kann dafür gerne nach Werot schauen.« Der Kampfeiler sah sie mit vorsichtigen Augen an. »Magalis kann ich mir gleich anschauen. Wenn du willst, kannst du mit Werot schon vorgehen. Du siehst noch erschöpfter aus als Cerphyra.« »Danke dir«, entwich Blesa und sie führte Werot in den Heilerbau.
»Wie geht es dir?«, fragte sie und bereitete ein Schlafplatz in der Nähe des Eingangs vor. Am Ende des Baus sah sie, wie Wela bereits schlief und Winalba noch wach war aber still nach draußen schaute. »Besser als vorhin, ich fühle mich aber sehr schwach.« Die gekonnten Augen der Heilerin musterten den Krieger. »Das überrascht mich nicht.« Sie beugte sich an Werot heran, umschloss mit ihrem Schnabel die Spinnenweben und entfernte sie vorsichtig von der Wunde. »Die Blutung hat aufgehört. Die Spinnenweben sind nicht getränkt aber sollten dennoch erneuert werden. An sich sieht die Wunde nicht mehr gefährlich aus. Trotzdem wirst du dich mindestens zwei Tage sehr ausruhen müssen.« Aus dem Vorrat besorgte sie neue Spinnenweben und wickelte diese vorsichtig um die Verletzung. »Hältst du es so bis morgen durch?« fragte sie, woraufhin der Krieger nickte. »Dann werde ich mir dich morgen nochmal genauer anschauen.« »Danke dir, Blesa.« Die Heilerin nahm sich selbst noch einen Mohnsamen und begab sich in ihr Nest. Werot hatte es sich neben ihr bequem gemacht und auch Winalba schien langsam müde zu werden. Bevor Blesa es merkte, hüllte die Dunkelheit des Schlafs sie ein.
Etwas später blinzelte sie und sah sich um. Sonnenlicht schien warm durch die Blätter über die Lichtung. Warum konnte sie nicht einmal durchschlafen? Mit einem leisen Knurren drehte sie sich in ihrem Nest. Sie sah Zeyfeis, der nun ebenfalls neben ihr lag und schlief. Sie beobachtete ihn, wie sich seine Flanke langsam hob und senkte. Wenigstens schien er heute keine Vision durchstehen zu müssen. Sie erinnerte sich an ihre eigene Vision. Das rauschende Wasser, der Fall durch die Luft, die Stimme, die von einem fallenden Wald gesprochen hatte. Sie wollte sich noch mit Zeyfeis darüber unterhalten, auch, was er für eine Vision hatte. Doch aufgrund der schweren Ereignisse der letzten Tage hatten sie dafür bisher noch keine Zeit gefunden. Vielleicht findet sich morgen ein Moment dafür, kreuzte Blesas Gedanken. Ihr Blick ruhte immer noch auf dem grauen Kampfheiler des Stammes. Sie wusste, dass er oft mehr Sorgen hatte, als er zugeben würde. Doch manchmal wusste sie nicht, wie sehr ihn diese Sorgen selbst belasten. Er hatten seinen Platz und seine Zugehörigkeit im Stamm langsam gefunden, zumindest schien es so. Mit diesem Gedanken fiel sie langsam wieder in den Schlaf.
Die Gedanken in den Köpfen des Stammes waren verstreut wie lange nicht mehr. Doch der Tag verging ruhig, die meisten Eulen bekamen den verdienten Schlaf. Einige Vögel tummelten sich in den Bäumen, im Laub raschelte vereinzelt eine Maus, geschützt vor den Eulen durch die Sicherheit des Tages. Die Sonne kletterte langsam über den Himmel wieder in Richtung Horizont. Das Lager lag tief im Wald, sodass die Helligkeit die nachtaktiven Wesen nicht störte. Allmählich zogen sich die Vögel zurück, das Licht am Himmel schwand. Zeyfeis war der erste im Heilerbau, der die Augen öffnete. Durch das Federkleid neben ihm erinnerte er sich, dass Magalis neben ihm lag. Sein Blick schweifte durch den Bau. Es waren so viele Eulen hier wie schon lange nicht mehr. Wela und Winalba durch den Husten. Beide machten aber gute Fortschritte und würde wohl bald wieder entlassen werden. Dann war da noch Magalis und Werot, welche in der vorherigen Nacht bei Kämpfen verwundet worden waren. Und die Nester der beiden Heiler lagen ebenfalls dazwischen.
Zeyfeis blickte zu Blesa hinüber, die noch ruhig in ihrem Nest schlief. Er war froh, dass sie beide diese Nacht nicht auch noch Visionen überstehen mussten, sondern etwas Ruhe fanden. Der Heiler drehte sich in seinem Nest. Der Wald fällt, wehte ihm wieder durch die Gedanken. Die fallenden Eulen, der seltsame Wald und die weise Heilerin, welche sich ihm erst im letzten Moment gezeigt hatte. Fast so, als hätte Gelza seine Hilflosigkeit beobachten wollen. Er musste heute mit Blesa darüber reden. Sie hatte vor kurzem auch eine Vision, zumindest hatte sie ebenfalls sehr unruhig geschlafen. Vielleicht setzen sich die Teile dann zusammen und gaben etwas mehr Aufschluss, was ihnen diese Vision sagen wollte. Was auch immer es ist, es scheint nichts Gutes zu sein.